am Donnerstag, 11 Januar 2018

Wenn Hunde Menschen beißen, hat dies oft schwerwiegende Folgen. Je nach Intensität kann ein Biss zu ernsthaften physischen und psychischen Verletzungen führen. Zahlreiche Hunde werden deshalb wegen unerwünschtem Aggressionsverhalten in Tierheimen abgegeben oder eingeschläfert. Antworten zu der Frage, welche Ursachen und Auslöser Beißvorfällen zugrunde liegen, sind wichtig und helfen, ihnen vorzubeugen.

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass unerwünschtes Aggressionsverhalten bei einigen Rassen gehäuft auftritt. Zu diesen Rassen gehören dem Ergebnis einiger Arbeiten und Erfahrungsberichten folgend der Springer und der Cocker Spaniel. Im Zusammenhang mit rassebedingter, übersteigerter Aggression fällt oft der Begriff Cocker- oder Spanielwut. Allgemein werden unter der Cockerwut anfallsartige, grundlos und unprovoziert auftretende Aggressionsanfälle verstanden, die besonders häufig bei Spaniels mit rotem Fell auftreten sollen.

Zur Spanielwut gibt es jedoch unterschiedliche Ansichten. Einmal wird darunter eine anfallsartige, epilepsieartige Krankheit gesehen, bei welcher der Hund keine Kontrolle über sein Verhalten hat. Andere vermuten dahinter kein Anfallsleiden sondern ein Verhaltensproblem mit konkreten Auslösern für das Aggressionsverhalten. Was steckt nun hinter der Spanielwut?

Befunde zum Aggressionsverhalten von Cocker Spaniels

In einer ersten größer angelegten Untersuchung wurden 932 Fragebögen von Besitzern reinrassiger Cocker Spaniels aus Großbritannien ausgewertet. Neben grundlegenden Angaben zu Geschlecht, Fellfarbe und Alter wurden verschiedene Informationen bezüglich des Aggressionsverhaltens abgefragt. So interessierten die Forscher auch die unterschiedlichen Motive der gezeigten Aggression. Aus insgesamt 11 Kategorien, zu denen beispielsweise Aggressionsarten wie Aggression gegenüber fremden Hunden, Aggression gegenüber der Bezugsperson, Verteidigung von Futter und grundlose Aggression gehörten, sollten die Besitzer diejenigen auswählen, die ihr Spaniel zeigte.

Tatsächlich traten Aggressionsprobleme bei den einfarbigen Cocker Spaniels im Verhältnis häufiger auf als bei den gescheckten und mehrfarbigen Varianten. Dass bestimmte Fellfarben mit erhöhter Aggressivität eingehen, kann aus dieser Studie jedoch nicht geschlossen und begründet werden.

Insgesamt berichteten die Besitzer hauptsächlich von territorialbedingte Aggression. Dabei verteidigen die Hunde einen räumlichen Bereich gegenüber aus Hundesicht fremden Eindringlingen. In diesem Fall ist also ein klarer Auslöser für das Aggressionsverhalten vorhanden, nämlich der in das hündische Territorium eindringende Mensch oder Hund.

Weiterhin stellte sich heraus, dass die laut ihren Besitzern plötzlich und grundlos Aggressionsanfälle zeigenden Cocker in vielen Situationen Aggressionsverhalten mit zuordenbaren Auslösern wie dem aggressiven Verteidigen von Futter aufwiesen. Daher halten die Autoren der Studie ein alleiniges Anfallsleiden wie es bei der Cockerwut oft beschrieben wird, eher für unwahrscheinlich. 1 Die folgende Arbeit unterstützt diese Annahme.

Aggressionsverhalten von Springer Spaniels

In einer Studie der veterinärmedizinischen Verhaltenstherapeutin Ilana Reisner wurden Besitzer von Springer Spaniels zu problematischem Verhalten befragt. Die Analyse der Angaben zum Aggressionsverhalten ergab, dass die von den Besitzern als unprovoziert wahrgenommenen Attacken in fast allen Fällen in Situationen auftraten, die einen eigentlich sozialen Konflikt oder das Verteidigen einer Ressource wie eines bestimmten Liegeplatzes oder Futter nahelegen.

Auch diese Arbeit stellt also unerklärliche Aggressionsanfälle in Frage. Sie deutet mehr auf eine in der untersuchten Springer Spaniel Population existierende Häufung übermäßig gesteigerter Ressourcenverteidigung hin. Möglicherweise wird die Neigung zu übersteigertem ressourcenverteidigendem Verhalten zu gewissen Anteilen vererbt und besitzt somit eine genetische Komponente. Darauf deutet die Tatsache, dass in den Stammbäumen der Springer Spaniels mit ressourcenverteidigendem Verhalten ein einzelner Rüde ganz besonders häufig auftrat. 2

Impulsive Aggression bei Cocker Spaniels

Ein bedeutsames Puzzleteil liefert eine Studie der veterinärmedizinischen Fakultät in Barcelona. Die Wissenschaftler werteten dafür Daten von 145 Cocker Spaniels aus, die in der verhaltenstherapeutischen Abteilung vorstellig geworden waren. Sie wurden mit einer Gruppe von Cocker Spaniels ohne Aggressionsproblemen und einer weiteren Gruppe von aggressiven Hunden anderer Rassen als dem Spaniel verglichen. Die am häufigsten gezeigte Aggressionsform dieser Population von Cocker Spaniels bestand in der gegen den Besitzer gerichtete Aggression. Zudem war das Aggressionsverhalten der aggressiven Cocker um Vergleich zu den aggressivem Verhalten anderer Hunderassen besonders impulsiv. Impulsives Aggressionsverhalten ist gekennzeichnet von fehlenden Warnzeichen wie einer steiferen Körperhaltung, Knurren oder Zähnefletschen vor einer Attacke. Oft sind vor einer Attacke bei impulsiv aggressiven Hunden nur die durch das gesteigerte Erregungsniveau vergrößerten Pupillen auffällig. Zusätzlich reagieren Hunde mit impulsivem Aggression oft sehr heftig bei nur kleinen Auslösern. Hier kann der Bogen zu dem oftmals der Cockerwut zugeschriebenen, aus Sicht des Besitzers grundlos und plötzlich auftretenden Aggressionsverhalten geschlagen werden. Die impulsiv aggressiven Spaniels reagieren auf vermeintlich nichtige Auslöser wie dem Zugang zu einer Futterquelle ohne deutlich sichtbare Vorwarnzeichen mit heftigen Attacken. So kann der der Eindruck entstehen, dass es sich um anfallsartige Aggressionsanfälle handelt, obwohl dies nicht der Fall ist. 3

Impulsive Aggression und Serotonin

Neurotransmitter sind wichtige Botenstoffe im Körper, welche die Kommunikation der Nervenzellen untereinander und somit die Wahrnehmung, das Denken und Handeln steuern. Sowohl bei Menschen als auch bei Nagern und Hunden wird ein Zusammenhang von gesteigertertem, impulsivem Aggressionsverhalten und einem gestörten Haushalt des Neurotransmitters Serotonin vermutet. Im Hirnwasser von zu impulsiver Aggression neigender Hunden ist beispielsweise ein erniedrigter Serotoninspiegel festgestellt worden.4
Auch bei den aggressiven Spaniels gibt es einige Hinweise für diese Verknüpfung. Eine weitere Studie der veterinärmedizinischen Fakultät Barcelona verglich den Gehalt von Serotonin im Blut von aggressiven Spaniels und den von aggressiven Hunden anderer Rassen. Der Serotoningehalt des Blutes der aggressiven Spaniels war besonders niedrig. Das könnte möglicherweise die Häufung der Fälle von impulsiver Aggression dieser Rasse erklären. 5

Fazit

Insgesamt gibt es einige Hinweise dafür, dass bei Spaniels impulsives Aggressionsverhalten gehäuft und zu Teilen genetisch bedingt auftritt. Das Aggressionsverhalten zeichnet sich zwar durch fehlende, nur schwer wahrnehmbare Warnzeichen aus, besitzt aber zuordenbare Auslöser wie das Verteidigen von Futter, Liegeplätzen oder das Wehren gegen körperliche Einschränkung. Der Hund greift in diesem Fall nicht wie bei einem Anfall wahl- und grundlos seine Umwelt an. Für die viel zitierte, anfallsartige Cockerwut existieren nur einzelne Fallberichte. Eine mögliche Ursache für das impulsive Aggressionsverhalten könnte ein niedriger Spiegel des Neurotransmitters Serotonin sein.

Das heißt nicht, dass mit Erziehung oder einer medikamentösen Behandlung keinerlei Aussicht auf Besserung der Aggressionsproblematik besteht. Neben erblichen Einflüssen tragen auch Umweltbedingungen wie die Aufzucht oder die Erziehung einen maßgeblichen Teil zum Verhalten bei. Ein solcher Umwelteinfluss ist wahrscheinlich auch die Halterpersönlichkeit. In einer Studie waren die Besitzer der Cocker Spaniels mit deutlich gesteigertem Aggressionsverhalten signifikant mehr angespannt, weniger emotional stabil, stärker schüchtern und undisziplinierter als die Halter von nicht-aggressiven Cocker Spaniels.6

Titelbild von Štěpán Zechner


  1. Podberscek, A.L., Serpell, J.A., 1997. Aggressive behavior in English cocker spaniels and the personality of their owners. Vet. Rec. 141, 73-76 

  2. Reisner IR, Houpt KA, Shofer FS. National survey of owner-directed aggression in English springer spaniels. J Am Vet Med Assoc. 2005;227:1594–603 

  3. Amat, M., Manteca, X., Mariotti, V., Ruiz de la Torre, J.L., Fatjo´, J., 2009. Aggressive behavior in the English Cocker Spaniel. J. Vet. Behav.: Clin. Appl. Res. 4, 111-117. 

  4. Reisner, I.R., Mann, J.J., Stanley, M., Huang, Y., Houpt, K.A., 1996. Comparison of cerebrospinal fluid monoamine levels in dominantaggressive and non-aggressive dogs. Brain Res. 714, 57-64. 

  5. Amat M, Le Brech S, Camps T, 2013. Differences in serotonin serum concentration between aggressive English cocker spaniels and aggressive dogs of other breeds. A J VET BEHAV 8:19-25 

  6. Podberscek, A. L., & Serpell, J. A. (1997). Aggressive behaviour in English cocker spaniels and the personality of their owners. Veterinary Record, 141(3), 73-76. doi:10.1136/vr.141.3.73