am Montag, 11 September 2017

Der Dobermann wurde 1863 auf dem Apoldaer Hundemarkt erstmals als neue Rasse vorgestellt. Das Zuchtziel war ein leistungsfähiger, leicht ausbildbarer Personenschutzhund. Seit der Rassegründung bis zum heutigen Tage gab es immer wieder Zeiträume, in denen der Dobermann wegen mangelnder Beliebtheit beinah von der Bildfläche verschwand. Auch wenn es der Rasse mittlerweile nicht an Popularität mangelt, bedroht nun eine schwere Krankheit die Existenz des Dobermanns.

Schreckgespenst DCM

Die Abkürzung DCM steht für Dilatative Kardiomyopathie, eine nicht heilbaren Herzerkrankung. Betroffene Tiere haben eine geschwächte Herzmuskulatur, wodurch die Pump- und Leistungsfähigkeit des Herzens abnimmt. Um trotz Erkrankung wichtige Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, muss sich das Herz besonders stark anstrengen. Als Folge der verstärkten Belastung vergrößert sich das Herz, ähnlich wie ein Muskel, der trainiert wird.

Mit steigender Größe des Herzens gehen aber zunehmend Probleme einher. Das schwache Gewebe des Herzmuskels wird durch die Ausdehnung zusätzlich geschädigt. Ab einer bestimmten Größe des Herzens schließen auch die Herzklappen nicht mehr richtig. Beides sorgt dafür, dass die Herzschwäche sich weiter verschlimmert. Dobermänner gehören sowohl zu den am häufigsten von DCM betroffenen Rassen, als auch zu denen, bei denen die Erkrankung besonders aggressiv verläuft. Etwa ein Drittel der unter DCM leidenden Dobermänner stirbt am plötzlichen Herztod, noch bevor für den Besitzer offensichtliche Symptome auftreten.

Wird die Herzerkrankung frühzeitig bei einer Vorsorgeuntersuchung aufgedeckt, kann der unvermeidbare Herztod hinausgezögert werden. Die Behandlung ist aufwendig und kostenintensiv und der drohende, vorzeitige Tod des betroffenen Hundes allgegenwärtig.1 DCM führt so zu viel Leid, bei den erkrankten Dobermännern genauso wie bei ihren Besitzern. Bei der Rasse Dobermann gilt eine genetische Ursache für die Erkrankung als gesichert. 2

Maßnahmen gegen DCM

Zuchtverbände ergreifen oft durch wachsendes Bewusstsein für rassespezifische Erkrankungen Maßnahmen, welche die Krankheiten eindämmen sollen. Im Falle der DCM Herzerkrankung ist dies bitter nötig. So hat beispielsweise eine Untersuchung der LMU München ergeben, dass etwa jeder zweite Dobermann von DCM betroffen ist. 3 Basierend auf den aktuellen Anzahl an erkrankten Hunden wurden Prognosen über die weitere Entwicklung der DCM entwickelt. Das düstere, daraus resultierende Ergebnis für die europäische Dobermann Population: Im Jahr 2040 werden ohne radikale Maßnahmen 100 Prozent der Dobermänner an dieser Herzerkrankung leiden. 4 Es gäbe dann keinerlei gesunde Rasse-Exemplare mehr.

Eine grundsätzliche Idee besteht darin, an DCM erkrankte Dobermänner nicht für die Zucht einzusetzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die kranken Tiere die DCM an den Nachwuchs vererben und somit die Anzahl an darunter leidenden Dobermännern weiter erhöhen, ist sehr hoch.

Dabei gibt es mehrere Schwierigkeiten. Bis die Krankheit ausbricht, vergehen oft einige Jahre. Hunde, die bei Untersuchungen im jüngeren Alter unauffällig sind, können also die DCM trotzdem im Erbgut tragen, sie vererben und erst später daran erkranken. Das Problem besteht auch bei aufwendigen Diagnoseverfahren wie dem Langzeit EKG, dass eine DCM im Frühstadium aufdecken kann. Weiterhin ist die genaue Vererbung der Herzerkrankung noch unbekannt. Vermutlich übertragen auch äußerlich gesunde, aber DCM Gene tragende Dobermänner die Krankheit an ihre Nachkommen.

Deswegen wird intensiv an der Entwicklung eines DCM-Gentests gearbeitet. Mittels eines Gentests wäre es dann möglich, DCM vererbende, aber nicht selbst erkrankte Dobermänner zu identifizieren und solche, bei denen die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist. Werden beide dann nicht als Zuchttiere verwendet, kann die Anzahl an unter DCM leidenden Dobermännern zukünftig stark eingedämmt werden.

Selektion ist schwierig

Auch wenn dieser Weg zunächst theoretisch sinnvoll klingt, ist er praktisch mit schwerwiegenden Problemen behaftet.

Der Hund trägt wie andere Lebewesen auch seinen Bauplan in jeder einzelnen Zelle des Körpers. Denn in den Zellen befindet sich die DNA, eine chemische Verbindung, auf der sämtliche Erbinformationen gespeichert sind. Die dort vorliegenden Informationen entscheiden über das Aussehen und sämtliche Körperfunktionen des jeweiligen Hundes.

Auf DNA gibt es für jedes äußere und innere Merkmal bestimmten Orte, Gene genannt. Möchte man eine Hunderasse mit einheitlich langem Fell, können nur Zuchttiere verpaart werden, die am Genort für die Felllänge die Erbinformation “langes Fell” tragen. Hunde, welche die genetischen Informationen für ein kurzes oder gelocktes Haarkleid tragen, werden dabei ausgeschlossen.

Werden innerhalb der Rassen nur wenige Tiere zur Zucht eingesetzt, kommt es zwangsläufig zum Verlust von genetischer Vielfalt. Dieser Verlust wirkt sich auf innere Vorgänge im Körper aus. Sind im Erbgut an den Genorten für verschiedene Körperfunktionen weniger unterschiedliche Erbinformationen vorhanden, gelingt die kurz- und langfristige Anpassung an die Umwelt schlechter. Das genetische Material ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit einem Werkzeugkasten. Die einfach ausgestattete Variante mit Hammer, Schraubenschlüssel und Zange reicht für kleinere Anforderungen im Alltag aus. Sobald die handwerkliche Arbeit aber über den Nagel in der Wand hinausgeht, ist man mit einem umfangreichen Sortiment an Werkzeugen verschiedener Arten und Größen wesentlich besser ausgerüstet. Ähnlich verhält es sich mit dem Erbgut. Je mehr Werkzeuge dem Hundekörper durch unterschiedliche Erbinformationen zur Verfügung stehen, desto besser kann er sich den wechselnden Bedingungen der Umwelt anpassen. Eine solche Entwicklung wird genetischer Flaschenhals genannt.

Was sind die konkreten Folgen, wenn in einer Rassepopulation wenig genetische Vielfalt durch Flaschenhals-Phänomene herrscht? Störungen des Immunsystems wie Allergien und Autoimmunerkrankungen nehmen zu. Die Fruchtbarkeit und Lebenserwartung sinken, während die Anfälligkeit für Erkrankungen steigt. Damit ist klar, dass die Auswirkungen mangelnder genetischer Vielfalt ein ebenso großes Problem wie einzelne genetisch bedingte Krankheiten darstellen.5

Um Erbkrankheiten wie die Hüftdysplasie oder DCM innerhalb einer Rasse einzudämmen, müssen Tiere, welche diese vererben, von der Zucht ausgeschlossen werden. Die in der Entwicklung steckenden Gentests erleichtern zukünftig dieses Vorgehen. Zwangsläufig senkt diese Strategie aber die bei vielen Rassen eh schon sehr geringe genetische Vielfalt, denn sie schafft abermals einen genetischen Flaschenhals.

Aktuelle Untersuchungen der Erbmaterials von 218 Dobermännern aus unterschiedlichen Regionen der Welt haben gezeigt, dass der Dobermann bereits jetzt zu den Rassen mit geringsten genetischen Vielfalt gehört.6

Einerseits müssen also dringend Schritte gegen die rasante Verbreitung von DCM innerhalb der Dobermann-Rasse unternommen werden. Strikte Maßnahmen gegen die DCM senken jedoch die Anzahl an möglichen Zuchttieren nochmals enorm. Das hat zwangsläufig eine Zunahme von Autoimmunkrankheiten, Krebs und weiteren ungünstigen Auswirkungen mangelnder genetischer Varianz zur Folge. Aktuell weist der Dobermann schon eine im Vergleich zu anderen Rassen sehr hohe Rate an Krebs- und Autoimmunerkrankungen auf. Um gesunde, nicht von DCM belastete Dobermänner zu züchten, müssen daher zwangsläufig Hunde anderer Rassen eingekreuzt werden. Nur so kann einerseits die DCM bekämpft und andererseits die genetische Varianz innerhalb der Dobermann Population wieder erhöht werden.

Ohne zeitnah erfolgende wissenschaftlich überwachte Einkreuzungsprojekte gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft keine gesunden, langlebigen Dobermänner mehr.

Titelfoto von Jack Berry


  1. Calvert CA, Hall G, Jacobs GJ, Pickus CW. Clinical and pathologic findings in Doberman Pinschers with occult cardiomyopathy that died suddenly or developed congestive heart failure: 54 cases (1984-1991). J Am Vet Med Assoc 1997a; 210: 505-11. 

  2. Meurs KM, Lahmers S, Keene BW, White SN, Oyama MA, Mauceli E, Lindblad Toh K. A splice site mutation in a gene encoding for PDK4, a mitochondrial protein, is associated with the development of dilated cardiomyopathy in the Doberman pinscher. Hum Genet 2012; 131: 1319–25. 

  3. Wess G, Schulze A, Butz V, Simak J, Killich M, Keller LJM, Maeurer J, Hartmann K. Prevalence of dilated cardiomyopathy in Doberman Pinschers in various age groups. J Vet Intern Med 2010d; 24: 533–8. 

  4. Understanding the prevalence of DCM in Dobermann. Some reflections 

  5. Pedersen NC, L Brucker, NG Tessier, H Liu, M Cecilia, T Penedo, S Hughes, A Oberbauer, & B Sacks. The effect of genetic bottlenecks and inbreeding on the incidence of two major autoimmune diseases in Standard Poodles, sebaceous adenitis and Addison's disease. Canine Genetics and Epidemiology 2:13.  

  6. Genetic Diversity in Dobermann