am Dienstag, 26Apr2016

Die wenigsten lässt Babygeschrei völlig kalt. Und das ist auch gut so. Schließlich ist es aus evolutionärer Perspektive äußerst wichtig, dass ein Säugling möglichst eindringlich auf seine Bedürfnisse hinweist. Dies geschieht bevorzugt in einer Lautstärke, die Presslufthämmer übertrifft und in Frequenzen, bei denen eine Gänsehaut noch die harmloseste Auswirkung ist. So ist man praktisch zu gar nichts anderem in der Lage, als das Baby aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Warum eine höhere Macht meinen Spinner Spaniel jedoch mit einem Stimmchen gesegnet hat, dass sämtliche bisher gehörte Säuglingsschreie alt aussehen lässt, ist nicht so einfach zu erklären. Sinnvoll für das Überleben scheint mir diese Eigenschaft eher nicht, denn selbst die gutmütigsten Naturen kapitulieren irgendwann und wünschen dem Spaniel nach längerer Beschallung diverse Krankheiten an den Hals.

Das akustische Spezialprofil von Bubbles, so heißt das Tier, hat des Öfteren weitreichende Konsequenzen für die Umwelt. Ob in böser oder weniger böser Absicht, durch einzelne Kläfflaute, die etwa 100 gleichzeitig auf einer Tafel kratzenden Kreidestückchen ähneln, fielen schon Radfahrer auf der gegenüberliegenden Straßenseite von ihrem Gefährt. Oder die Nachbarn die Treppe hinunter.

Außerdem gehen unzählig viele verschüttete Getränke auf das Konto der von Bubbles Lauten verursachten Schreckreaktionen

Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch Bubbles Erscheinungsbild. Einer 10köpfigen Zwergspitzherde würde man derartige Lautäußerungen vielleicht zutrauen. Einem 40 cm großen Flauschball mit großen schwarzen Knopfaugen eher nicht. Trotz eindrücklichen Vorwarnungen wollen es leider doch zu viele wissen und weigern sich, den empfohlenen Spanielmindestabstand zu halten. Die Folgen reichen vom leichten Schock bis zur völligen Ohmacht.

Als Halter gewöhnt man sich irgendwann an das Gekreische. Denn mit jeder einzelnen Schreisalve verliert man auch ein bisschen von seinem Hörvermögen. Ein solch durch Lärm verursachter Hörverlust zeigt sich in der Regel zuerst bei hohen Tönen. Und so werden die Laute des Spaniels immer leiser...und weniger eindringlich...und weniger nervtötend. Mittlerweile meint auch mein Freund, dass Bubbles ja gar nicht mehr so nervig wäre. Seine Aussage wundert mich nicht. Ein kürzlich durchgeführter Hörtest offenbarte beim ihm deutliche Defizite im Bereich der hohen Frequenzen.

Bemerkenswert ist auch, dass mich schreiende Kinder in der Bahn überhaupt nicht mehr stören. Während die restlichen Reisenden genervt und wütend auf die Quelle des Lärms und deren Erzeuger schauen, denke ich mir mittlerweile nur noch “süüüüüß…. klingt ja wie meine Bubbles”.

Es sollte jedoch der Tag kommen, an dem wir froh waren, einen Hund mit gar schrecklicher Stimme zu besitzen.

Mitten in der Nacht beschloss nämlich irgendeine Frau unter dem Einfluss irgendwelcher Substanzen, dass es eine gute Idee wäre, bei unserem Haus sämtliche Fenster des Erdgeschosses einzuschlagen. So ziemlich genau niemand traute sich, ihrem äußerst rabiaten und schnellen Vorgehen ein Ende zu setzen. Nachdem nun alle Fenster des Nachbarns kaputt waren, setzte sie zur Zerstörung unserer Verglasung an. Pflichtbewusst eilte Bubbles zum Fenster und stand der Bedrohung direkt gegenüber. Zeitgleich startete sie eine Kreisch- und Bellattacke, die sämtliche bisherige Schrecklichkeit nochmals um Weiten übertraf.

Wie man mittlerweile weiß, aktivieren solche Kreischlaute direkt das Angstzentrum des Gehirns.1 Und obwohl sämtliche Versuche seitens der Menschen fehlschlugen, die im Drogenrausch wütende Fenstereinschlägerin verbal zu stoppen, schaffte dies der Schrei des Spaniels. Offensichtlich hatte Bubbles sehr tiefsitzende Urängste angesprochen. Unsere Fenster blieben verschont und die Zerstörung wurde erst bei den Nachbarn fortgesetzt.

Pie Chart

Also, liebe bemitleidete oder angefeindete Besitzer von Kläffern und Kreischern: Haltet durch! Irgenwann setzt der Hörverlust ein und alles wird besser. Und selbst die nervigste, vermeintlich unnötigste Eigenschaft kann irgendwann einmal gewinnbringend sein.