am Samstag, 24Sep2016

Die Englische Bulldogge gehört zu den weltweit beliebtesten Hunderassen. Ihr auffälliges Erscheinungsbild, dass von einem großen Kopf mit flacher Nase, kurzen Beinen und einer Menge loser, faltiger Haut gekennzeichnet ist, hat der Bulldogge zahlreiche Fans beschert. Leider steht es um die Gesundheit der Rasse alles andere als gut. Das putzige Aussehen geht mit einer ganzen Reihe an Erkrankungen einher, unter denen die Tiere oft lebenslang leiden müssen. Ob und wie der Bulldogge geholfen werden kann, untersuchte nun eine Forschergruppe der University of California.

Der Bauplan des Lebens

Warum hat mein Hund eine weiße Fellfarbe? Wieso haben einige Hunde Schlapp- und andere Hängeohren? Welche Krankheiten können Elterntiere an ihre Welpen weitergeben? Die wissenschaftliche Disziplin der Genetik befasst sich mit genau diesen Fragen. Sie untersucht, warum Merkmale wie eine bestimmte Fellfarbe oder Ohrenform auftreten und wie diese von den Eltern an die Nachkommen vererbt werden.

Das Gewebe des Körpers ist aus vielen Billionen kleiner Zellen zusammengesetzt. Jede dieser Zellen enthält einen Zellkern. Im Zellkern selbst befindet sich die DNA, eine chemische Verbindung, in der sämtliche Erbinformationen gespeichert sind. Die DNA liegt zusammengepackt in Form von verknüllten fadenartigen Strängen vor. Der Hund besitzt in den Kernen der Körperzellen 39 Paare dieser Stränge, welche Chromosomen genannt werden.

Einzelne Abschnitte der Chromosomenpaare, die Gene, sind verantwortlich für bestimmte Merkmale und Mechanismen des Körpers. Für jedes Merkmal gibt es spezielle Abschnitte auf den Chromosomen. So gibt es Bereiche, die beispielsweise über die Haarfarbe, verschiedene Erbkrankheiten oder die Körpergröße entscheiden. Bei der Fortpflanzung geben Mutter und Vater jeweils zur Hälfte Teilstücke ihrer Chromosomen und somit individuellen Erbinformationen an den Nachwuchs weiter. Welche der elterlichen Erbinformationen das neu entstehende Lebewesen bei der Fortpflanzung nun genau erhält, bleibt zu großen Teilen dem Zufall überlassen.

Das Aussehen des Hundes und seine Gesundheit in Bezug auf Erbkrankheiten geben aber nur teilweise Aufschluss über sein Erbgut. Ein Hund kann am über die Länge des Fells bestimmenden Chromosomenort die Anlage für kurzes oder langes Fell besitzen. Eine Variante wäre vom Vater, die andere von der Mutter vererbt. Obwohl dieser Hund nun beide Fellvarianten im Erbgut trägt, läuft er mit kurzen Haaren durch die Welt. Denn starke Merkmalsvarianten, zu denen das kurze Fell gehört, setzen sich gegenüber schwachen wie dem langen Fell durch. Dieser Hund kann jedoch beide Fellvarianten vererben. Langhaarige Welpen entstehen dann, wenn sie sowohl vom Vater als auch von der Mutter die Anlage für langes Fell erhalten.

Im Erbgut versteckt exisitieren also Varianten von Merkmalen, die am Hund selbst nicht ausgeprägt sind, aber von ihm vererbt werden können. Bestimmte Kombination von mütterlichen und väterlichen Erbinformationen führen dann zur Ausprägung einer in der Elterngeneration versteckten Merkmalsvariante.

Ziele der Rassehundezucht

In der Rassehundezucht sind solche versteckte Merkmalsvarianten besonders in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild, auf Krankheiten und bestimmte Wesensmerkmale unerwünscht. Die Hunde innerhalb einer Rasse sollen zuverlässig einem vom Menschen festgelegten Standard entsprechen. Überraschungen, die durch im Erbgut versteckte Merkmale entstehen können, sind unerwünscht.

Bei der Verpaarung zweier Dalmatiner erwarten die Züchter beispielsweise gepunktete, kurzhaarige Hunde. Langes Haar entspricht nicht dem Rassestandard. Neben Dalmatinern, die rein äußerlich nicht das gewünschte Aussehen besitzen, werden somit auch solche von der Zucht ausgeschlossen, die Träger unerwünschter Merkmalsvarianten wie langem Fell sind.

Werden einzelne Merkmale im Erbgut stark gefestigt und die versteckten Varianten zunehmend ausgemerzt, hat das weitreichende Konsequenzen. Innerhalb einer Rasse können durch die speziellen Anforderungen an Größe, Aussehen und Wesen nur noch wenige Tiere zur Zucht dienen.

Die große Vielfalt an Erbinformationen der individuellen Hunde wird dadurch eingeschränkt. Je weniger Tiere innerhalb einer Rasse zur Zucht verwendet werden können, desto größer ist der Verlust an unterschiedlichen Merkmalsvarianten im Erbgut. Dieses Phänomen ist als “genetischer Flaschenhals” bekannt.

Durch die eingeschränkte Vielfalt im Erbgut kann beispielsweise das äußere Aussehen wie eine bestimmte Fellfarbe stark verfestigt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diesbezüglich versteckte Merkmalsvarianten im Erbgut der Elterntiere befinden, ist geringer.

Der Nachteil: Ein Hund besteht aus weit mehr als Fellfarbe, Felllänge und einer bestimmten Größe. Durch diese Strategie werde nicht nur erwünschte Merkmale im Erbgut gefestigt, sondern auch unerwünschte wie verschiedene Erbkrankheiten. Viele dieser Krankheiten entstehen erst beim Nachwuchs, wenn mehrere Defektgene von Vater und Mutter vererbt werden. Die Elterntiere können die versteckten Defektgene für die Hüftdysplasie, einer oft schmerzhaften Fehlentwicklung des Hüftgelenks tragen, ohne daran selbst erkrankt zu sein.

In ungünstigen Fällen tragen die Hunde, welche die Anforderungen an die erwünschten Rassemerkmale erfüllen, viele versteckte Defektgene für bestimmte Krankheiten wie der Hüftdysplasie in ihren Erbanlagen. Neben dem rassetypischen Aussehen und Wesen werden so Krankheiten im Erbgut dieser Rasse fixiert. Als Resultat leiden die Nachkommen dieser Tiere besonders häufig unter den jeweiligen die Rasse betreffenden Krankheiten.

Folgen des genetischen Flaschenhalses

Werden innerhalb der Rassen nur wenige Tiere zur Zucht eingesetzt und diese dann wie im Falle von besonders renommierten Deckrüden auch noch übermäßig häufig, kommt es zwangsläufig zum Verlust von genetischer Vielfalt. Dieser Verlust wirkt sich auf innere Vorgänge im Körper aus.

Sind im Erbgut an den Genorten für verschiedene Körperfunktionen weniger unterschiedliche Erbinformationen vorhanden, gelingt die kurz- und langfristige Anpassung an die Umwelt schlechter.

Das genetische Material ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit einem Werkzeugkasten. Die einfach ausgestatte Variante mit Hammer, Schraubenschlüssel und Zange reicht für kleinere Anforderungen im Alltag aus. Sobald die handwerkliche Arbeit aber über den Nagel in der Wand hinausgeht, ist man mit einem umfangreichen Sortiment an Werkzeugen verschiedener Arten und Größen wesentlich besser ausgerüstet. Ähnlich verhält es sich mit dem Erbgut. Je mehr Werkzeuge dem Hundekörper durch unterschiedliche Erbinformationen zur Verfügung stehen, desto besser kann er sich den wechselnden Bedingungen der Umwelt anpassen.

Die durch die Verarmung der genetischen Vielfalt entstehenden Anpassungsstörungen betreffen häufig das Immunsystem. Der Körper kann sich dann nur unzureichend vor Krankheitserregern schützen oder reagiert übermäßig stark. Als Folge leiden diese Hunde häufiger unter Allergien. Auch Autoimmunkrankheiten, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet und ihn schädigt, treten häufiger auf. Mit der misslichen Lage des Erbguts verknüpft sind zudem die abnehmende Lebenserwartung und schlechtere Fruchtbarkeit vieler Rassen.1

Die Bulldogge und ihre Krankheiten

Die Bulldogge scheint nun ein besonders trauriges Beispiel für die Folgen von genetischer Verarmung zu sein. Mit ihrem knautschiges Gesicht, der faltigen Haut und einer breitbeinigen Körperhaltung ist ihr Erscheinungsbild weit entfernt vom Urvater Wolf. Um die gewünschten Merkmale wie extreme Kurzschnäuzigkeit, faltige Haut und verzwergte Beine im Erbgut der Bulldogge zu fixieren, musste bei der Rassegründung auf wenige, ausgewählte Tiere zurückgegriffen werden.

Fußt eine Rasse auf wenigen Gründertieren, ist ein starker Verlust von genetischer Vielfalt unvermeidbar. Dieser betrifft auch bei der Bulldogge nicht nur die Bereiche der über das Erscheinungsbild entscheidenden Erbinformationen. Auch die für das Immunsystem verantwortlichen Regionen werden dadurch beeinflusst. Deshalb leiden überdurchschnittlich viele Bulldoggen unter allergisch bedingten Hauterkrankungen, die mit quälendem Juckreiz sowie Entzündungen der Haut, Ohren und Pfoten einhergehen. Neben der Anfälligkeit für Allergien treten bei dieser Rasse noch weitere mit genetischer Verarmung in Verbindung stehende Krankheiten gehäuft auf. Dazu gehören Herzerkrankungen, der Wasserkopf, die Neigung zu Blasensteinen, die Schilddrüsenunterfunktion und verschiedene Krebsarten.2

Bereits vom Geburtstermin an offenbart sich die lange Liste der gesundheitlichen Probleme, mit denen die Rasse zu kämpfen hat.

Das im Verhältnis zum Rest des Körpers extrem schmal gebaute Becken der Bulldogge verhindert oftmals die natürliche Geburt und erfordert in über 80 Prozent der Fälle einen Kaiserschnitt.3 Zudem ist die Anzahl an Totgeburten und frühzeitig sterbenden Welpen durch häufig auftretende Missbildungen sehr hoch.

Der Schädel einiger Hunderassen wurde vom Menschen durch Zuchtprozesse stark verformt. So auch der Kopf der Bulldogge, welcher durch eine extrem verkürzte Nasen- und Kieferpartie gekennzeichnet ist. Die menschengemachte, übermäßige Kurzköpfigkeit geht häufig mit verformten Atemwegen einher. Zu diesen Verformungen gehören viel zu enge Nasenlöcher, eine übermäßig dicke und lange Zunge, eine verengte Luftröhre und Missbildungen des Kehlkopfes. Derartige Merkmale beeinträchtigen die Atmungsfunktion. Schlafstörungen, Atemnot auch bei leichter Belastung, Atemaussetzer, Wärmeintoleranz und teilweise tödlich endende Erstickungs- und Ohnmachtsanfälle sind die Folge.

Die durch die beeinträchtigten Atemwege entstehenden Grunz- und Schnauflaute vieler Rasseexemplare werden gelegentlich als niedlich und nicht weiter beachtenswert angesehen. Viel zu oft wird dabei vergessen, dass diese Geräusche ein Symptom von verengten oberen Atemwegen sind und mit Atemnot einhergehen. Atemnot wird sowohl von Tieren als auch Menschen in der Regel als lebensbedrohlich empfunden. Überdurchschnittlich viele frühzeitige Todesfälle der Bulldoggen gehen auf das Konto von so verursachter Atemnot.

Zahlreichen Exemplare der Rasse sind zudem von schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparats wie Ellenbogenfehlbildungen, Bandscheibenvorfällen und Wirbelsäulendeformationen betroffen.

In einer schwedischen Studie wurden die Daten von Hundekrankenversicherungen im Zeitraum von 1995 bis 2010 ausgewertet. Die Bulldogge zeigte sich dort als trauriger Spitzenreiter bei den Erkrankungen des Bewegungsapparats, Atemschwierigkeiten und Störungen des Immunsystems.4

Einsichten in das Erbgut

Die Lebensqualität einer dramatisch hohen Anzahl von Bulldoggen ist durch Krankheiten deutlich eingeschränkt. Um belasteten Rassen zu mehr Gesundheit zu verhelfen, gibt es einige Strategien. Dazu gehört die Maßnahme, gesundheitlich beeinträchtigte Hunde und solche, die verschiedene Erbkrankheiten tragen, aus der Zucht auszuschließen.

Ein Zuchteinsatz sollte zudem nur Bulldoggen vorbehalten sein, deren Wohlbefinden nicht durch extreme körperliche Merkmale gemindert ist.

Besondere Aufmerksamkeit muss dabei den deformierten Atemwegen gewidmet werden. Hier reicht es nicht aus, die Rasse einfach langschnäuziger zu züchten. Längere Schnauzen gehen nicht zwangsläufig mit normal geformten Atemwegen einher. Potentielle Zuchttiere müssen deswegen intensiv untersucht werden. Rassevertreter mit verengten Nasenlöchern, Luftröhren- und Kehlkopfdeformationen sowie anderen Auffälligkeiten im Rachenraum sollten sich nicht fortpflanzen dürfen.

Die Gesundheit der Bulldogge kann folglich nur durch eine strengere Auslese der Zuchttiere wiederhergestellt werden. Zur gleichen Zeit müssten viel mehr Bulldoggen als bisher von der Zucht ausgeschlossen werden.

Das stellt die Rasse vor ein großes Problem. In einer Studie wurde die genetische Vielfalt des Bulldoggen-Erbguts untersucht. Dafür untersuchte ein Forschungsteam direkt das Erbmaterial in den Zellen von 102 Bulldoggen aus 16 verschiedenen Ländern.

Die Ergebnisse: Zum einen gibt es kaum Bulldoggen, deren Erbgut unbelastet von den für die Rasse relevanten Krankheiten ist. Um die gesundheitliche Lage züchterisch zu beeinflussen, muss auf gesunde Tiere innerhalb der Bulldoggen - Population zurückgegriffen werden können. Das scheint bei der Bulldogge nur schwer möglich zu sein, denn es gibt nahezu keine unbelasteten Rasseexemplare. Die genetisch bedingten Erkrankungen sind weltweit tief im Erbgut der Bulldoggen verankert.

Zum anderen entstand die Rasse aus etwa 68 Gründertieren. Basiert die Fortpflanzungsgemeinschaft einer Rasse auf so wenigen Tieren, ist ein enormer Verlust von genetischer Vielfalt unvermeidlich.

Das Erbgut der Bulldogge weist daher bereits eine drastisch verarmte Vielfalt auf. Diese würde nochmals verringert werden, wenn man zur Verringerung von diversen Krankheiten mehr Bulldoggen von der Zucht ausschließt.

So könnte möglicherweise durch gezielte Selektion die Menge an unter Ellenbogendeformationen leidenden Bulldoggen verringert werden. Der Preis dafür wäre die Zunahme von Erkrankungen, deren Ursachen in mangelnder genetischer Vielfalt liegen. Die bereits hohe Zahl der Bulldoggen mit Krankheiten des Immunsystems würde weiter steigen und die Lebenserwartung noch mehr sinken. Bereits jetzt erlebt die Hälfte der Englischen Bulldoggen nicht mehr ihren 7. Geburtstag.5

Ausblick

Kann die Gesundheit der Bulldogge durch eine strenge Auswahl der Zuchttiere verbessert werden, ohne einen weiteren Verlust von genetischer Vielfalt zu verursachen? Den Wissenschaftlern zufolge ist dieses Unterfangen quasi unmöglich. Für eine dringlich notwendige Rettungsaktion der Bulldogge mit ausschließlich reinrassigen Tieren ist es daher höchstwahrscheinlich schon zu spät. Ihrer Meinung nach kann die kritische Lage nur durch Einkreuzungen anderer Rassen behoben werden.


  1. Irene Sommerfeld-Stur: Rassehundezucht: Genetik für Züchter und Halter Müller Rüschlikon 2016 

  2. Niels C. Pedersen, Ashley S. Pooch and Hongwei Liu (2016). A genetic assessment of the English bulldog. Canine Genetics and Epidemiology, 3:6,DOI: 10.1186/s40575-016-0036-y 

  3. Evans, K.; Adams, V. (2010). "Proportion of litters of purebred dogs born by caesarean section" . The Journal of small animal practice. 51 (2): 113–118 PMID 2013699 

  4. Egenvall, A., Bonnett, B.N., Hedhammar, A., Olson, P., 2005. Mortality in over 350,000 insured Swedish dogs from 1995-2000: II. Breed-specific age and survival patterns and relative risk for causes of death. Acta Veterinaria Scandinavica 46, 121-136. 

  5. "2004 Purebred Dog Health Survey" Kennel Club/British Small Animal Veterinary Association.