am Mittwoch, 29Jun2016

Das psychologische Konzept der Impulskontrolle hat in der Hundewelt einen unglaublich hohen Bekanntheitsgrad erlangt. In der Regel versteht man darunter die Fähigkeit, sich trotz innerer und äußerer Impulse beherrschen zu können.

Wer sich morgens nach dem Klingeln des Weckers zur Arbeit aufrafft und dem inneren Drang widersteht, noch mindestens zwei Stunden weiterzuschlafen, nimmt die Impulskontrolle in Anspruch. Gleiches gilt für den Vierbeiner, wenn er sich für den Rückruf des Besitzers und gegen den Impuls des Hetzens bei der Sichtung eines Rehs entscheidet.

Ohne Selbstdisziplin in Form von Impulskontrolle haben es sowohl Mensch als auch Hund schwer im Leben. Jedem Impuls oder jeder Verlockung zu folgen endet in der Regel schnell tödlich und macht das Leben in sozialen Gemeinschaften äußerst quasi unmöglich.

Wer sich hingegen besonders gut zusammenreißen und genügend Willenskraft gegen unerwünschte Impulse aufbringen kann, lebt gesünder, erreicht bessere Noten, erlangt höhere Bildungsabschlüsse und ist zufriedener mit seinem Leben.123

Schulnoten und akademische Abschlüsse dürften Hunden relativ egal sein. Trotzdem müssen sie in vielen Bereichen des Lebens Impulskontrolle zeigen. Ordentliches an der Leine gehen anstelle zu ziehen-den Menschen auf allen Vieren und nicht springenderweise zu begrüßen-trotz Ablenkung sitzenzubleiben -- all das verlangt Selbstkontrolle vom Hund.

Sorry, meine Impulsontrolle war alle

Weil die Impulskontrolle in vielen Bereichen des Lebens sehr bedeutsam ist, wurde sie intensiv erforscht. Von besonderem Interesse ist da natürlich auch, wieso es so große individuelle Unterschiede in Sachen Selbstregulation gibt und woher diese kommen.

In einer populären Theorie wird davon ausgegangen, dass die Impulskontrolle wie ein Muskel zunehmend ermüdet, wenn sie betätigt wird.4 Wer sich tagsüber auf der Arbeit ständig zusammenreißen muss, überanstrengt seine Impulskontrolle und kann zu Hause der Schokoladentafel trotz angestrebter Diät nicht mehr widerstehen.

Demnach ist die Fähigkeit, inneren und äußeren Impulsen zu widerstehen, im Verlauf des Tages nicht unbegrenzt möglich. Je mehr Impulskontrolle in einer Situation verbraucht wird, desto weniger steht in der nächsten zur Verfügung.5

Die Theorie basiert auf einem wegweisendem Versuch, der vor 20 Jahren von dem Wissenschaftler Ehepaar Baumeister und Tice durchgeführt wurde. Den Versuchsteilnehmern wurde ein Teller mit frischgebackenen Keksen und eine Schüssel mit Radieschen vor die Nase gesetzt. Während die eine Gruppe nur die Radieschen snacken durfte, konnte die andere sich an den Keksen bedienen. Nach einer Weile wurde allen ein Knobelspiel gegeben, was gemeinerweise nicht lösbar war. Die Teilnehmer, die nur Radieschen essen durften und auf die Kekse verzichten mussten, investierten wesentlich weniger Zeit in Lösungsversuche und gaben viel früher auf.6

Der Effekt wurde mit dem begrenzten Vorrat an Selbstkontrolle erklärt. Die Teilnehmer der Radieschengruppe beanspruchten laut den Forschern die Impulskontrolle intensiver, um den duftenden Keksen zu widerstehen. Dementsprechend weniger stand davon bei der anschließenden Knobelaufgabe zur Verfügung. Dieser grundlegende Versuchsaufbau wurde dutzende Male mit ähnlichen Resultaten wiederholt.

Der fehlgeschlagene Verzicht auf Fastfood, die Fernsehnacht anstelle des Fitnessstudiobesuchs und das Anbrüllen von Mitmenschen können so zumindest mit der Aussage “meine Impulskontrolle war erschöpft” wissenschaftlich gerechtfertigt werden.

Davon ausgehend lautet die Empfehlung für die Hundeerziehung, im Alltag die Impulskontrolle des Hundes nicht überzustrapazieren. So soll garantiert werden, dass die Selbstkontrolle des Vierbeiners in wirklich wichtigen Momenten in ausreichender Menge zur Verfügung steht.

Wenn der Hund morgens sitzend vor dem Futternapf warten muss, bevor er sich auf ihn stürzen kann, ist für den nachfolgenden Spaziergang möglicherweise keine Impulskontrolle mehr übrig, um nicht beim nächstbesten jagdlichen Auslöser abzudampfen. Oder den Erzfeind zu verprügeln.

Zu schön um wahr zu sein

Die Theorie der endlichen Impulskontrolle ist ein Konzept, dass den meisten von uns logisch und nachvollziehbar erscheint. Jeder kennt Situationen, in denen die Willenskraft versagt und das Modell von der Selbstkontrolle als erschöpfbarer Muskel liefert eine plausible Erklärung. Wahrscheinlich ist dieses vermeintlich intuitive Verständnis einer der Gründe, warum diese Idee auch außerhalb der Wissenschaften so weitverbreitet und populär ist.

Es zeichnet sich jedoch ab, dass ich meinen übermäßigen Schokoladenkonsum zukünftig nicht mehr mit der erschöpften Impulskontrolle rechtfertigen kann. Die Vorstellung der nur im begrenzten Maße zur Verfügung stehenden Selbstkontrolle wird zu meiner Enttäuschung zunehmend in Frage gestellt.

Was hat ein solch einflussreiches, hunderte Male bestätigtes und sogar an Hunden demonstriertes Konzept ins Wanken gebracht?

Ein Problem wissenschaftlicher Arbeiten besteht in der bevorzugten Veröffentlichung positiver Ergebnisse. In den Studien rund um die Endlichkeit der Selbstkontrolle soll untersucht werden, ob die Impulskontrolle mit jeder Betätigung schwächer wird. Von einem positiven Resultat spricht man, wenn dieser Effekt beobachtet werden kann.

Nur ungern werden Studien mit negativen Befunden veröffentlicht. In wichtigen Fachzeitschriften finden sich daher selten Untersuchungen mit negativen Ergebnissen. Gefördert wird dieses Phänomen noch zusätzlich durch die Presse abseits der Wissenschaften. Positive Ergebnisse werden möglichst spektakulär aufbereitet und durch Fernsehen, Rundunk und Zeitung weit in die Welt hinausgetragen.

Als Resultat dieser Benachteiligung werden negative Befunde in der Forschung mitunter aktiv zurückgehalten. In anderen Fällen wird so lange an den Berechnungsmethoden der vorliegenden Daten gefeilt, bis die Zahlen eine Theorie vermeintlich positiv untermauern. Wie sowas im kleinen Maßstab funktioniert, könnt ihr bei diesem Beispiel nachlesen.

Bezogen auf die Impulskontrolle bedeutet das, dass möglicherweise Studien, in denen die Selbstkontrolle der Probanden trotz Anforderungen nicht schwächer wurde, nur selten publiziert und wahrgenommen werden.

Gibt es zu einer Forschungsfrage viele Einzelstudien, werden diese regelmäßig in sogenannten Meta-Analysen zusammengefasst. Im Falle des Phänomens “Endlichkeit und Erschöpfbarkeit der Impulskontrolle” werden also für eine Meta-Analyse zunächst möglichst viele Veröffentlichungen zu diesem Thema gesammelt. In der Regel existieren trotz gleicher Fragestellung uneinheitliche Ergebnisse. So können 30 Studien zur Thematik vorliegen, bei denen eine erschöpfbare Impulskontrolle der Probanden beobachtet werden konnte und 20 weitere Studien, bei welchen dieser Effekt nicht eintrat. Nach dem Sammeln der Studien werden die Ursachen der unterschiedlichen Ergebnislagen analysiert und bewertet. Abschließend bewertet eine Meta Analyse basierend auf den gesammelten Daten und deren Analyse die Gültigkeit und Wahrscheinlichkeit der jeweilig untersuchten Theorie.

Konnte beispielsweise in der Mehrheit der qualitativ hochwertigen Studien nicht beobachtet werden, dass Impulskontrolle erschöpfbar ist, so gilt das Phänomen als eher unwahrscheinlich.

Tatsächlich ergab sich aber ein anderes Bild. In der bis zu diesem Zeitpunkt größten Metastudie, in der 198 Experimente zusammengefasst wurden kam man eindeutig zu dem Ergebnis: Die Erschöpfbarkeit der Impulskontrolle scheint wirklich existierendes, solides Phänomen zu sein.7

Ende gut, alles gut? Nein! Denn wenn fast nur Studien mit positivem Ergebnis veröffentlicht werden, stehen auch nur solche für eine Meta Analyse zur Verfügung.

Ob in einer Metaanalyse ein ein Ungleichgewicht an positiven Veröffentlichungen und somit ein verzerrtes Endergebnis vorliegt, lässt sich glücklicherweise mittlerweile statistisch ermitteln. Da die entsprechenden Berechnungsmodelle erst seit kurzer Zeit existieren, wurde die große Metanalyse zur Impulskontrolle nochmals genauer mit den mittlerweile zur Verfügung stehenden Methoden untersucht. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass die vorliegende Meta-Analyse und deren Schlussfolgerung sehr stark durch die bevorzugte Veröffentlichung positiver Ergebnisse beeinflusst war. Das ernüchternde Fazit dieser Überprüfung lautete sogar, dass das Phänomen der ähnlich einem Muskel erschöpfbaren Impulskontrolle vermutlich gar nicht exisitiert.8910

Replikation

Den bestehenden Zweifeln an den etablierten Theorien zur Impulskontrolle musste natürlich nachgegangen werden. Im Oktober 2014 wurde mit massivem Aufwand eine sogenannte Replikationsstudie organisiert. In Replikationsstudien wird ein bereits durchgeführtes Experiment wiederholt. Da verschiedene Faktoren das Ergebnis einer Studie unbemerkt beeinflussen können, ist eine solche Wiederholung äußerst wichtig. Entsteht bei solch einer Wiederholungsstudie ein anderes Resultat als bei der Orginalstudie, wird nach den möglichen Ursachen der unterschiedlichen Ergebnislage gesucht. Möglicherweise gibt es einen in der Orginalarbeit beobachteten Effekt an sich gar nicht und er ist das Resultat des Zufalls oder entsteht durch Besonderheiten der Studienteilnehmer.

Um das Ergebnis einer durch Betätigung erschöpfbaren Impulskontrolle zu replizieren wurde ein Experiment wiederholt, welches in der Orginalveröffentlichung besonders stark die Erschöpfung der Selbstkontrolle demonstriert haben soll. Insgesamt wurden weltweit 24 Forscherteams und über 2000 Versuchsteilnehmer für diese Aufgabe rekrutiert. Der massive Aufwand war nötig, um potentielle Fehlerquellen der bisherigen Veröffentlichungen zum Thema auszumerzen.11

Die durch die Korrektur der Meta Analyse entstandende Vermutung wurde durch das Mammutprojekt bestätigt. Dass die Selbstkontrolle zunehmend schwächer wird, wenn sie benutzt werden muss, konnte nicht in den durchgeführten Experimenten beobachtet werden. Zwei Jahrzehnte Forschung zur Impulskontrolle und die dazugehörige Literatur wurden durch dieses Ergebnis arg in Frage gestellt. Das zynische Fazit des Leiters dieser Replikationsstudie lautet treffenderweise: Wissenschaft ist brutal.12

Weitere neue, hohe Standards erfüllende Veröffentlichungen zum Thema erhärten zunehmend den Verdacht, dass es eine nutzungsbedingte Erschöpfung der Selbstbeherrschung wie bisher beschrieben nicht gibt. 13

Fazit

Wer sich also im Supermarkt zusammenreißt um den Einkaufswagen mit frischem Gemüse anstelle von Kartoffelchips zu füllen, risikiert wohl eher nicht, auf der Rückfahrt durch die verbrauchte Impulskontrolle sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen zu missachten. Ich bewege mich wohl auch leider auf dünnem Eis, wenn ich den chaotischen Küchenzustand mit dem Verschonen der häuslichen Schokoladenvorräte begründe.

Und nein, wenn Hundchen 3 Sekunden vor seinem Napf oder der Türschwelle warten und Selbstbeherrschung zeigen muss, ist das höchstwahrscheinlich nicht die Ursache für seine selektive Schwerhörigkeit auf dem Spaziergang. Genauso wahrscheinlich muss der Tag des Vierbeiners nicht akribisch durchgeplant werden, um zu verhindern, dass Situation A und B die gesamte zur Verfügung stehende Selbstkontrolle verpulvern und in Situation C nichts mehr davon vorhanden ist.

Unbestritten gibt es aber Momente, in denen unsere Impulskontrolle und die es Hundes versagt. Ob und in welchem Maß Faktoren wie Stress, Schlafmangel und Hunger diesbzüglich einen Einfluss haben, wird weiter intensiv erforscht.

Was für uns Mensche ganz interessant ist: Es spielt eine Rolle, wie wir über das Konzept der erschöpfbaren Impulskontrolle denken. Personen, welche dieses Phänomen bezweifeln und nicht an die Begrenztheit von Selbstkontrolle glauben, scheinen nicht nur auf der richtigen Fährte zu sein, sondern haben es im Leben vermutlich auch noch leichter. Sie weisen in verschiedenen Studien eine bessere Lebensqualität, mehr Zufriedenheit, weniger Stimmungsschwankungen und ein konsequenteres Umsetzen von angestrebten Zielen auf.141516

PS: Im nächsten Teil dieses Posts geht es um den Einfluss von Glucose auf die Impulskontrolle, die Probleme der bisherigen Hundestudien zum Thema und Bananenchips (yummy).


  1. de Ridder D. T., Lensvelt-Mulders G., Finkenauer C., Stok F. M., Baumeister R. F. (2012). Taking stock of self-control A meta-analysis of how trait self-control relates to a wide range of behaviors. Pers. Soc. Psychol. Rev. 16 76–99 10.1177/1088868311418749 

  2. Tangney J. P., Baumeister R. F., Boone A. L. (2004). High self-control predicts good adjustment, less pathology, better grades, and interpersonal success. J. Pers. 72 271–324 10.1111/j.0022-3506.2004.00263.x 

  3. Hofmann, W., Fisher, R. R., Luhmann, M., Vohs, K. D., & Baumeister, R. F. (2014). Yes, but are they happy? Effects of trait self-control on affective well-being and life satisfaction. Journal of Personality, 82, 265–277 

  4. Self-regulation and depletion of limited resources: does self-control resemble a muscle? Psychological Bulletin, 126,247–259. 199. Friedman, J.M. (2003) 

  5. Muraven, M., & Slessareva, E. (2003). Mechanisms of self-control failure: Motivation and limited resources. Personality and Social Psychology Bulletin, 29, 894–906 

  6. Baumeister, et al. (1998). Ego depletion: Is the active self a limited resource? Journal of Personality and Social Psychology, 74(5), 1252–1265. 

  7. Hagger, M. S., Wood, C., Stiff, C., and Chatzisarantis, N. L. D. (2010). Ego depletion and the strength model of self-control: a meta-analysis. Psychol. Bull. 136, 495–525. doi: 10.1037/a0019486 

  8. Carter, E.C., & McCullough, M.E. (2014). Publication bias and the limited strength model of self-control: Has the evidence for ego depletion been overestimated? Frontiers in Psychology, 5: 823 

  9. Carter, Evan C.; Kofler, Lilly M.; Forster, Daniel E.; McCullough, Michael E. (2015). A SERIES OF META-ANALYTIC TESTS OF THE DEPLETION EFFECT: SELF-CONTROL DOES NOT SEEM TO RELY ON A LIMITED RESOURCE.J Exp Psychol Gen 2015 Aug 15;144(4):796-815. Epub 2015 Jun 15 

  10. Carter, E. C., & McCullough, M. E. (2013). Is ego depletion too incredible? Evidence for the overestimation of the depletion effect. Behavioral and Brain Sciences, 36, 683-684. doi: 10.1017/S0140525X13000952 

  11. A Multi-Lab Pre-Registered Replication of the Ego-Depletion Effect  

  12. http://michaelinzlicht.com/getting-better/ 

  13. No Evidence of the Ego-Depletion 

  14. Job, V., Walton, G. M., Bernecker, K., & Dweck, C. S. (2013). Beliefs about willpower determine the impact of glucose on self-control. Proceedings of the National Academy of Sciences, 110, 14837–14842 

  15. Job, V., Dweck, C. S, & Walton, G. M. (2010). Ego-depletion – Is it all in your head? Implicit theories about willpower affect self-regulation. Psychological Science, 21, 1686-1693 

  16. Bernecker, K., Herrmann, M., Brandstätter, V., & Job, V. (2015). Implicit theories about willpower predict subjective well-being Journal of Personality