am Samstag, 9Apr2016 in der Gruppe Michi bloggt

Ich gehe Gassi. Manchmal. Tatsächlich gehe ich lieber raus und nehme eine passende Kombination von Hunden mit. Leider ist nicht jeder der Hunde, mit denen ich das Glück habe das Bett zu teilen, übermäßig kompatibel was meine Outdoor-Hobbies angeht.

Hunde sind auch nur schlechte Menschen

Das klingt vielleicht kritisch, ist es aber eigentlich nicht. Wer sich selbst nicht eingestehen kann, dass sein Hund irgendein Problem hat, hat wahrscheinlich selbst Probleme. Keiner unsere Hunde ist immer ein Vorzeigeobjekt. Oder um es besser zu formulieren, keiner unserer Hunde hat kein dunkles Geheimnis.

Probleme müsste man dann definieren. Es gibt Hunde die "nur" Trennungsangst haben. Es gibt Hunde die jagen, es gibt Hunde die Probleme mit Ressourcen haben und - ja, machen wir uns nichts vor - es gibt Hunde, die ohne uns Menschen genauso oder besser klar kommen würden.

Egal, ob man Hundetrainer, ein halbwegs kompetenter Halter oder einfach nur jemand ist, der gerne einen Hund an seiner Seite hat. Wir alle müssen uns damit abfinden, dass wir uns einen Charakter anschaffen. Nicht nur einen Hund. Sondern ein Lebewesen mit Macken, Ecken und Kanten; aber auch mit Eigenschaften, die es hervorheben.

Ein Dunkles Geheimnis von meinem Vorzeigehund? Da sitzt ein Kind mit nem Brötchen auf dem Boden... dann ist das Brötchen nicht mehr da und es weint...

Wissen ist nicht alles

Ich denke, ich weiß was es bedeutet, einen Hund nahezu ausschließlich positiv zu erziehen. Und dennoch sehe ich da Defizite. Ich bin kein böser Mensch, und ich glaube auch nicht, dass man Lebewesen in irgendeiner Art unterdrücken sollte. Aber ich bin auch ein Realist.

Und ich bin vor allem Realist. Ich würde, und ich entschuldige diesen Vergleich, auch meine Kinder nicht so erziehen, dass sie nicht verstehen, was das Prinzip eines "Neins" ist. Wir als Säugetiere müssen ziemlich früh mit dem Konzept der Ablehnung umgehen. Auch Menschen aus unserem nahem Umfeld, Menschen denen wir vertrauen, aber dennoch Menschen, die irgendwo soziale Defizite haben oder einfach nur einen schlechten Tag. Wir müssen mit Menschen umgehen, die einfach beschissen drauf sind. Und ich betone müssen.

Genauso kann sich mein Hund seinen Nachbarn nicht aussuchen, wie auch nicht den prollenden Rüden, den er 2 mal die Woche bei seinem Spaziergang trifft. Mein Hund frisst zu von mir vorgegebenen Zeiten. Wir gehen raus, wann ich es will. Selbst die eher ungewöhnlichen Schlafzeiten werden von mir festgelegt.

Strafe

Ich werde mich darüber nicht übermäßig auslassen. Das haben andere Leute mit mehr know how an der einen oder anderen Stelle schon ausgiebig getan.

Ich muss für mich und vor allem für meinen Hund entscheiden, was Strafe für uns ist; was Strafe für ihn ist. Mir obliegt dabei die Entscheidung, wie weit ich gehen kann und will. Zugegebenermaßen treffe ich die Entscheidung manchmal gar nicht bewusst.

Nichtsdestsotrotz halte ich eine Sache für sehr wichtig: Mein Hund kennt mich sehr gut. Manchmal habe ich das Gefühl, er kennt mich besser als ich mich selbst. Er kann mich einschätzen.

Für Void ist Strafe schon ein böser Blick. Das heißt aber nicht, dass ich ihm nicht verbal auch mal die Meinung sage oder ihn auch mit dem Knie aus dem Weg schiebe, wenn er im Weg rumsteht.

Stress

Stress ist ein Teil unseres Lebens. Es gibt Menschen, die können besser damit umgehen, und es gibt Hunde, die können es weniger. Aber der Umgang mit Stress ist erlernbar.

Wenn ich mal so einen sabbernden Hund von der Küchentür mit einem lauteren Wort verscheuche, bricht hier für keinen die Welt zusammen. Dass der das in dem Augenblick total blöd findet, ist mir vollkommen klar. Deswegen renne ich dem trotzdem nicht jedesmal mit nem Stückchen Futter hinterher, wenn er auf seinem Platz liegt.

Häh?

Worum es mir geht, ist eigentlich Folgendes.

Wir haben hier 3 Hunde. Jeder hat seine Baustellen. Zwei davon werden langsam alt, und mindestens einer ist schon ganz schön retarded.

Das Leben hier ist keinesfalls unkompliziert. Aber es ist leichter geworden, als ich dachte. In der Wohnung brauch es nur minimales Mangement. Z.B. ein Türgitter zur Küche mangels einer Tür zum Hauptaufenthaltsraum der Hunde, in dem sie auch alleine bleiben. Gewöhnlich ist es offen, wenn wir da sind.

Ansonsten machen die Hunde hier, was sie wollen. Also sich Breitmachen, wo immer sie es gerade bevorzugen. Der Springer Spaniel bellt ab und zu mal Richtung Fenster; der Ungar bellt ab und zu mal in die Luft und der Pointer besteht darauf unter -- wenigstens einer ganz dünnen -- Decke zu liegen.

Sicher habe ich am Anfang wesentlich mehr Management betreiben müssen. Immernoch haben wir ein Auge auf die 3 aber sie leben hier ziemlich harmonisch auf recht engem Raum.

Ich mag Hunde, aber ich liebe es, draußen zu sein.

Ich habe 2 Vorstehhunde an der Hand. Unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Und dann gibts noch den Springer Spaniel...

Pointer

Der eine, eigentlich der Hund meiner Freundin, ist der Brite. Vollkommen humorlos (es sei denn, man versteht britischen Humor). Großer Radius, mittlerweile ungemein leicht zu führen. (Ich würde gerne sagen dass es an mir liegt, aber der Kerl wird halt auch alt -- ich weiß es nicht)

Kann mit Druck eigentlich nicht umgehen. Will immer in Bewegung sein. Kannte das Konzept vom draußen "Chillen" bis vor einem Jahr nicht.

Bei ihm war ich recht vorsichtig anfangs. Zu Unrecht. Im Gegenteil, diesem Hund zu erklären, dass ich hier die Hosen anhabe, hat dafür gesorgt, dass der Hund wesentlich massenkompatibler geworden ist.

Ganz am Anfang verbellte er mich, wenn ich mich über ihn beugte. Jetzt darf ich ihm Zecken entfernen, ihn auf dem Bett in eine bessere Position schieben und überhaupt all die Sachen mit ihm machen, die Hunde eigentlich nicht mögen. (Bis auf Baden, das ist der erste Hund, der sich von ganz alleine in die Badewanne stellt und abgeduscht werden will).

Vizsla

Der andere, mein Hund. Seit fast 9 Jahren an meiner Seite. Jede Outdoor party, jedes Festival macht der mit. Einfach so. Das musste man dem nicht erklären. Aber warum?

Liegt es daran, dass ich den Hund mit 3 Monaten, ohne Leine, Mitternacht am Silversterabend mit vors Haus genommen habe?

Liegt es daran, dass der Hund die ersten 3 Jahre die Leine gar nicht kannte, trotz dessen, dass ich zentral in Leipzig wohne?

Liegt es daran, dass ich manchmal nachts durch den Wald laufe, oder auch mal die Hängematte aufspanne und einfach 2, 3 Tage irgendwo mein Lager aufbaue und den Hund während der Zeit einfach mal Hund sein lasse?

Nein, ich glaube, es liegt nicht daran.

Bubbly; Oh the bubbly!

Was soll ich sagen. Ich mag das kleine Monster. Dennoch nicht mein Hund. Bubbles ist für mich außergewöhnlich anstrengend, aber durchaus ein funktionierender Hund. Wenn ich in den Wald zum Entspannen gehen will, bleibt sie trotzdem Zuhause.

Ich kann mit diesem Hund Gassi gehen, aber es ist immer Arbeit. Tatsächlich nicht nur für mich, auch das Gehirn des Hundes stößt schnell an Grenzen.

Bubbles mag die wenigsten fremden Menschen, fast niemals Jogger, Nordic Walker hasst sie und bestimmte Hunde will sie in Grund und Boden stampfen.

Ein bisschen Vertrauen von meiner Seite hat da sehr geholfen. Wir können Gäste empfangen, wir können mit Bekannten von mir den ganzen Tag am See oder im Wald verbringen und Bubbles mag sie. Bubbles mochte sie vom ersten Tag an, weil wir sie gemanagt und das Gegenüber entsprechend instruiert haben.

Dennoch wird der Hund ohne Leine mit Maulkorb geführt.

Es ist Management.

Wie kombiniert man diese Zutaten?

Jetzt werden die Leute aufschreien, aber ich sage, eine gewisse Portion Ignoranz und Vertrauen haben geholfen. Vertrauen in die Fähigkeiten der Hunde, Konflikte (das ist ein hartes Wort) selbst auszutragen, wenn auch mit Anleitung und Unterstützung. Ignoranz hat dabei geholfen, den Hunden zu erklären, dass sie nicht der Mittelpunkt des Lebens des Halters sind - die beiden zugezogenen dachten das mal ;).

Harte Ansagen

"Leg dich hin!"

"Geh auf deinen Platz!"

"Void, mach dich lang!"

"Lieg nicht im weg rum!"

"Void, hör auf den Pointer anzustarren!"

"Bubbles schnauze!"

"Void, verpiss dich jetzt."

"Alter, mach dich jetzt hier ran!"

Das sind alles Dinge, die meine Hunde von mir hören. Manchmal eindringlicher, meistens ganz normal. Das Meiste davon verstehen sie durch den Kontext, den Rest kennen sie sowieso.

Den Ungarn muss ich mittlerweile anschreien wenn er zu weit weg ist. Er ist schwerhörig. Dafür kassiere ich schon ab und zu böse Blicke -- nicht von dem Vizsla natürlich, die Menschen schnallen das häufig nicht.

Tierschutzrelevant?

Auf dem Weg in den Wald (gute 20 minuten durch die Stadt), bestehe ich, nachdem die Hunde sich lösen konnten, auf eine lockere Leine. Es wird nicht markiert, es wird nicht geschnüffelt. Dafür gehen wir aber auch im Stechschritt richtung Freilauf.

Sobald die Hunde abgeleint sind, erwarte ich einen halbwegs sauberen Rückruf, ein funktionierendes Abbruchsignal (da kann ich tatsächlich böse werden) und, zumindest bei meinem Hund, ein ordentliches Fuß. Und keine längeren Zeiträume ohne Sichtkontakt oder (ganz klar) keine hetzenden Hunde.

Ansonsten, und das möchte ich betonen, können die machen, was sie wollen.

Ich laufe nicht selten 2,3 Stunden durch den heimischen Stadtwald ohne überhaupt irgendwie mit den Hunden großartig zu kommunizieren. Entsprechende Wege kenne ich natürlich -- das ist dann wieder Teil meines Hobbies. Wir treffen wenige Menschen und so können wir alle das machen, was wir wollen. Zusammen durch den Wald stromern.

Ok. Eigentlich ist es das, was ich gerne mache. Aber, die Hunde haben mindestens so viel Spaß wie ich dabei. Ist das falsch?

Hobby. Entspannung. Hunde?

Ja! Das geht!

Man muss nicht mal Hundehalter sein. Wir haben hier einen kleinen Kreis von Leuten, die sich gerne mal in die Natur verdrücken. Ihre Hängematten aufspannen und nach 2, 3 Bier die Nacht im Wald mit dem Sternenhimmel ausklingen lassen.

Neben meinem, haben die anderen beiden Hunde schnell gelernt, dass sich das Universum nicht um sie dreht. Wenn ich rausgehe, nehme ich die Hunde mit, ich gehe selten raus, weil die Hunde "müssen".

Während der Pointer vor 6 Monaten noch riesige Kreise um unseren Lagerplatz gedreht hat, fängt er jetzt an, sich ein Loch zu buddeln, sich reinzulegen— Dinge, die ihm bis dato vollkommen unbekannt waren. Auch dieser Hund lernt, draußen Ruhepausen einzulegen — von ganz alleine!

Fin

Ich habe Hunde. Ich habe aber auch ein Leben. Hunde sind dazu gemacht, mit mir zu leben, nicht andersherum. Ich würde mir jederzeit für jeden Hund unter meinen Fittichen ein Bein ausreißen, aber ich erwarte ein gewisses Maß an Anpassung. Hunde leben in der gleichen Welt wie ich, und dieses Leben ist nunmal nicht immer schön.

Ich könnte mich jetzt hinstellen und die Behauptung aufstellen, dass ich immer nett bin. Nein, das bin ich nicht. Ich bin kein launischer Mensch, aber ich habe schon mal einen schlechten Tag gehabt. Auch meine Impulskontrolle versiegt irgendwann. Da finde ich es authentischer, dem Hund beizubringen, mit meinen Defiziten umzugehen.

Ist es nicht der Sinn einer Beziehung, mit den Defiziten des Gegenübers klar zu kommen? Unsere Hunde haben auch Defizite. Warum sollten wir, die, sagen wir wie es ist, Hunde häufig ausschliesslich als Luxusobjekte halten, keine Schwächen und Fehler haben? Also ich weiss ich nicht es Dir geht. Ich habe Schwächen. Ich habe Defizite. Ich habe Fehler.

Weil, hey. Keine frage! Es sind ganz klar meine Defizite. Ich könnte mich auch 3 Stunden täglich hinstellen und jedem der Hunde einzeln, dann in verschiedenen Kombinationen, Sachen beibringen, Gegenkonditionieren und noch viel mehr Aufmerksamkeit investieren, als ich es sowieso schon mache. Ich könnte den ganzen Tag managen und panisch darauf warten, was als nächstes passiert.

Will ich nicht. Mach ich nicht. Hab ich keinen Bock drauf.

Das ist der erste Teil meiner Beitragsgruppe, in der es primär um meine Erfahrung zum Thema Mehrhundehaltung und zum Thema Outdoor geht.