am Donnerstag, 8 März 2018

Viele Hunde leiden unter schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparats. Ganz besonders häufig sind die Vierbeiner von der sogenannten Hüftgelenksdysplasie betroffen. Dabei handelt es sich um eine genetische bedingte Krankheit, die jedoch maßgeblich von der Umwelt beeinflusst wird. Welche Umweltfaktoren spielen dabei eine wichtige Rolle und wie kann der Hundehalter diese beeinflussen?

Was ist Hüftgelenksdysplasie

Die Hüftgelenksdysplasie ist eine beim Hund oft auftretende und zu Recht gefürchtete Krankheit. Hunde mit Hüftdysplasie haben bei der Geburt zunächst vollkommen normale Hüftgelenke. Im Verlauf des Wachstums kommt es jedoch zu Fehlstellungen des Gelenks. Je nachdem, wie stark diese Fehlstellungen ausgeprägt sind, entstehen Folgeschäden. In der Regel werden die Gelenkknorpel des Hüftgelenks in Mitleidenschaft gezogen und beschädigt.

Die als Arthrose bezeichnete fortschreitende Zerstörung des Gelenks geht mit Schmerzen und einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität für den Hund einher. Obwohl es mittlerweile verschiedene Behandlungsmethoden gibt, ist eine ursächliche Heilung nicht möglich.

Bei der Hüftgelenksdysplasie handelt es sich um eine Erbkrankheit. Daher bestimmten die genetischen Informationen der Vorfahren des jeweiligen Hundes darüber, ob das Risiko für diese Erkrankung besteht oder nicht. Mittels verschiedener züchterischer Maßnahmen kann das Krankheitsrisiko verringert werden. Eine Methode besteht darin, Hunde mit höheren Ausprägungsgraden der Hüftdysplasie von der Zucht auszuschließen. Wenn auch durchaus wirkungsvoll und absolut notwendig, reduziert dieses Vorgehen nur begrenzt die Fälle von Hüftdysplasie. Wie genau die Krankheit vererbt wird, ist hochgradig komplex und noch weitestgehend unbekannt. Generationen werden übersprungen und nicht erkrankte Tiere können die Hüftgelenksdysplasie dennoch vererben.

Ein wichtiger Fakt ist: Ob und mit welchem Ausprägungsgrad der jeweilige Hund an Hüftgelenksdysplasie erkrankt, hängt sowohl von der genetischen Ausstattung als auch der Umwelt ab. Während der genetische Einfluss derzeit nur begrenzt kontrollierbar ist, könnten wichtige Umweltfaktoren mehreren Untersuchungen zufolge durchaus von uns beeinflusst werden.

Gewicht

Einer der ersten Hinweise für einen Zusammenhang zwischen dem Körpergewicht und der Entwicklung einer Hüftgelenksdysplasie findet sich in einer 1964 durchgeführten Untersuchung. Diejenigen Welpen der Rasse Deutscher Schäferhunde, die in den ersten 60 Tagen besonders schnell an Gewicht zunahmen wiesen spätere die dramatischsten krankhaften Veränderungen des Hüftgelenks auf.1

In einem weiteren Experiment wurden 31 Welpen der Rassen Schäferhund, Golden Retriever und Labrador Retriever in zwei Gruppen aufgeteilt. Alle Welpen stammten aus Zuchtlinien, in denen die Hüftgelenksdysplasie besonders häufig vorkam. Die eine Hälfte der Welpen erhielten ein besonders energiereiches Futter um schnell zuzunehmen, die andere Hälfte ein energiearmes Futter. Das Ergebnis: Die mit dem energiereichen Futter ernährten Welpen bekamen häufiger Hüftdysplasie und wiesen stärkere Ausprägungsformen dieser Krankheit auf. Zudem litten sie eher als die kalorienarm gefütterten, langsam an Gewicht zulegenden Welpen unter Arthrose.2

Ähnliche Resultate liefert eine Studie, welche die Hüftentwicklung von Labrador Retrievern verfolgte. Hierfür teilten die Forscher 48 Labradorwelpen im Alter von acht Wochen wieder in zwei Gruppen auf. In ersterer Gruppe durften die Hunde vom Welpenalter zu den Fütterungszeiten innerhalb von 15 min so viel fressen, wie sie wollten. Dabei wogen die Forscher die jeweils von den Hunden aufgenommene Menge ab. Die Hunde in der zweiten Gruppe erhielten dann nur 75 Prozent der abgewogenen Futtermenge.

Von beiden Gruppen verfolgten die Forscher die Hüftentwicklung bis zu einem Alter von 2 Jahren. Die Tiere, die nur eine beschränkte Futtermenge erhielten, entwickelten signifikant seltener eine Hüftdysplasie. Zudem wiesen die Tiere im Alter von 2 Jahren deutlich seltener Arthrose als Folge einer Hüftdysplasie auf.3

Die Futtermenge und das damit verbundene Körpergewicht gehören also den Ergebnissen mehrerer Untersuchungen zufolge mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den wichtigsten Umweltfaktoren für die Hüftentwicklung. Das gilt besonders für erblich vorbelastete Hunde.

Darauf zu achten, dass der Hund schlank und ohne Überfütterung aufwächst, ist eine für jeden Hundebesitzer einfach umzusetzende Maßnahme. Sie kann entscheidend für das restliche Hundeleben sein.

Fütterung

Zur Frage, ob und wie die Ernährung des Hundes einen Einfluss auf die Hüftentwicklung hat, gibt es zahlreiche Artikel im Internet. Häufig werden die Fütterung von Trockenfutter und Getreide mit Hüftdysplasie in Verbindung gebracht. Außerdem kursieren Empfehlungen wie die Gabe von hochdosiertem Vitamin C und anderen Zusatzmitteln.

Um zu ermitteln, welchen Einfluss verschiedene Fütterungsmethoden auf die Hüftgesundheit haben, werteten Forscher die Daten von 325 schwedischen Labrador Retrievern aus. Den Ergebnissen zufolge spielt es in Bezug auf das Risiko von Hüftdysplasie eher keine Rolle, ob die Hunde selbst zubereitete Rationen, rohe Mahlzeiten oder kommerzielles Trockenfutter erhalten.4

Auch unterschiedliche prozentuale Anteile von Kohlenhydraten und Proteinen scheinen keine bedeutenden Auswirkungen auf die Hüftgelenke zu haben.5

In einer vielzitierten Arbeit wird behauptet, dass Vitamin C die Entwicklung einer Hüftdysplasie verhindern kann. Bekommen tragende Hündinnen und Welpen bis zum Erwachsenenalter große Mengen dieses Vitamins, würden sich keine Fehlstellungen ausbilden.6 Die Verfasser liefern aber keinerlei Beweise für diese Theorie in Form von Röntgenbildern. In kontrollierten, objektiveren Experimenten konnte keinerlei der beschriebenen positiven Effekte beobachtet werden. 7

Der Rat, hohe Dosen Vitamin C an heranwachsende Hunde zu füttern ist nicht nur aller Wahrscheinlichkeit nach sinnlos sondern auch schädlich. In mehreren Studien führte die Fütterung von großen Vitamin C Mengen zu Hyperkalzämie. Dabei steigt die Kalziumkonzentration im Blut in ungesundem Maße an, was in Entwicklungsverzögerungen der jungen Knochen und Knorpel resultiert. 89

Bewegung

Um haltungs- und bewegungsbedingte Einflüsse auf die Hüftentwicklung zu erkunden, untersuchten Forscher die Entwicklung und Haltung von 501 Welpen der Rassen Labrador Retriever, Irish Wolfhound, Leonberger und Neufundländer. Die Besitzer mussten detaillierte Fragen über ihre wohnlichen Verhältnisse und das Bewegungspensum der wachsenden Hunde beantworten, während die Hüftgesundheit der Tiere mittels eines Röntgenbildes im Erwachsenenalter überprüft wurde. Als negativer Einfluss und Risikofaktor für eine Hüftdysplasie stellte sich das Gehen von Stufen im Alter von unter drei Monaten heraus. Positiv wirkte sich hingegen reichlich Bewegung auf weicheren, naturnahen Untergründen aus.10

Auch bei der Datenauswertung der 325 schwedischen Labrador Retrievern konnte ein weiterer Risikofaktor identifiziert werden: Hunde, die mittels Ball- oder Stöckchenwerfen beschäftigt wurden, litten häufiger Hüftdysplasie. Die schnellen Sprints mit abrupten Stops sind möglicherweise ungünstig für die Entwicklung des Hüftgelenks. 4

Fazit

Neben den Erbanlagen spielt die Umwelt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Hüftdysplasie. Die Gene sind für den Hundehalter größtenteils nicht mehr veränderbar. Umweltfaktoren, wie die Futtermenge, die der Hund erhält und sein Gewicht hingegen schon. Sie können entscheidend für die Ausprägung und den Schweregrad einer Hüftdysplasie sowie die zu erwartenden Folgeerscheinungen in Form von Schmerzen durch Arthrose sein. Besonders der Welpenspeck ist nicht niedlich, sondern ein ernstzunehmender Risikofaktor bezüglich der Hüftdysplasie.

Titelbild von smerikal


  1. Riser, W. H., Cohen, D., Lindqvist, S., Månsson, J., Chen, S.: Influence of early rapid growth and weight gain on hip dysplasia in the German Shepherd dog. J. Amer. vet. med. Ass. 145 (1964), 661 

  2. Kasstrom H. Nutrition, weight gain and development of hip dysplasia. An experimental investigation in growing dogs with special reference to the effect of feeding intensity. Acta Radiol (Suppl) 1975; 344: 136-178. 

  3. Smith, GK, ER Paster, MY Powers, DF Lawler, DN Biery, FS Shofer, PJ McKellvie & RD Kealy. 2006. Lifelong diet restriction and radiographic evidence of osteoarthritis of the hip joint in dogs. J. Am. Vet. Med. Assoc. 5: 690-693. 

  4. Diet, Exercise, and Weight As Risk Factors in Hip Dysplasia and Elbow Arthrosis in Labrador Retrievers Marie Sallander-Åke Hedhammar-Mari Trogen - The Journal Of Nutrition - 2006 

  5. Growth and Skeletal Development in Great Dane Pups Fed Different Levels of Protein Intake Richard Nap-Herman Hazewinkel-George Voorhout-Walter Brom-Sinus Goedegebuure-Arie Klooster - The Journal of Nutrition - 1991 

  6. Canine Hip Dysplasia: Reviewing the Evidence for Nonsurgical Management Kristin Kirkby-Daniel Lewis - Veterinary Surgery - 2011 

  7. Watson, A.D.J., Blair, R.C., Farrow, B.R.H., Baird, J.D., Cooper, H.L.: Hypertrophic osteodystrophy in the dog. Aust Vet J 49: 433–439, 1973. 

  8. Bennett D: Hip dysplasia and ascorbate therapy: Fact or fancy? Semin Vet Med Surg (Small Anim) 2:2;152-157,1987  

  9. The Role of Nutrition in Canine Hip Dysplasia Daniel Richardson - Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice - 1992 

  10. Housing- and exercise-related risk factors associated with the development of hip dysplasia as determined by radiographic evaluation in a prospective cohort of Newfoundlands, Labrador Retrievers, Leonbergers, and Irish Wolfhounds in Norway Randi Krontveit-Ane Nødtvedt-Bente Sævik-Erik Ropstad-Cathrine Trangerud - American Journal of Veterinary Research - 2012