am Montag, 11 Juli 2016

20.15. Prime Time. Martin Rütter im Fernsehen. Aufmerksam verfolgt der Spaniel das Geschehen. Auf modernen Fernsehgeräten kann ein Hunde genauso viel sehen wie wir. Aber weiß er wirklich, dass andere Hunde über den Bildschirm springen?

Wer bist du eigentlich?

Für so ziemlich jede Form der innerartlichen Verständigung ist es eine wichtige Voraussetzung, Artgenossen von anderen Lebewesen unterscheiden zu könnnen.1 Um zu beurteilen, ob es sich bei dem Gegenüber um ein Mitglied der eigenen Spezies handelt, benutzen Tiere geruchliche, akustische und optische Informationen.2

Für die Identifikation von Artgenossen spielen bestimmte äußerliche Merkmale bei vielen Tierarten eine entscheidende Rolle. In Studien hat sich gezeigt, dass einige Affenarten und Schafe diese optischen Informationen auch anhand von Bildern entschlüsseln können.

Schimpansen sind beispielsweise in der Lage, Fotos von Schimpansenhintern dem dazugehörigen Artgenossen zuzuordnen.3 Schafe können andere Schafe auf Fotos erkennen.4

Zweifel darüber, ob der Hund auch zu solch einer Leistung fähig ist und seinesgleichen auf Fotos identifizieren kann, sind berechtigt. Zum einen ist bei Hunden im Gegensatz zu Schafen die Sehkraft schwächer und der Geruchssinn stärker ausgeprägt. Optische Merkmale könnten daher zur Artgenossenbestimmung eine vernachlässigbare Rolle spielen. Zum anderen weisen Hunde eine enorm große Variabilität in Größe, Form und Farbe auf. Das Aussehen eines Chihuahuas unterscheidet sich stark von dem eines Boxers oder Neufundländers.

Unsere Vierbeiner müssten also eine komplexere Vorstellung vom Erscheinungsbild ihrer Artgenossen besitzen, um sie bei all ihrer optischen Vielfalt nur anhand von Bildern als “Hund” zu kategorisieren.

Untersuchung

Ein Team von Wissenschaftlern ging der Frage nach, ob Hunde ihre sehr verschieden aussehenden Artgenossen von anderen Tierarten auf Bildern unterscheiden können.5

Neben der bereits erwähnten optischen Vielfalt, verlangt diese Aufgabe noch aus weiteren Gründen beachtliche kognitive Leistungen. Auf den Bildern fehlen sämtliche geruchliche Informationen und die äußeren Merkmale sind nur zweidimensional dargestellt.

Für die Untersuchung wurden neun Familienhunde rekrutiert, die nachweislich keine Augenkrankheit besaßen und zwischen zwei und fünf Jahren alt waren.

Auf den im Rahmen der Studie verwendeten Fotos von Artgenossen, Menschen und anderen Tierarten waren jeweils nur die Köpfe zu sehen. Die Hunde mussten also allein anhand des Kopfes die Entscheidung “Hund” oder “Kein Hund” treffen.

Eine Kollektion aus 3000 Fotos von Hundeköpfen unterschiedlichster Rassehunde und Mischlinge wurde für die Untersuchung verwendet. Dabei achteten die Wissenschaftler darauf, dass möglichst viele verschiedene Kopfformen, Haarlängen, Farben und Ohrvarianten innerhalb der Fotos vorhanden waren.

Eine weitere Bilderkollektion enthielt 3000 Fotos von unterschiedlichsten Tierarten wie Kühen, Kaninchen, Vögeln, Reptilien und auch Menschen.

Den Hunden wurden dann mittels zweier Bildschirme sowohl ein Bild von einem Hund als auch einem anderen Tier oder Menschen präsentiert. Dabei lernten sie, dass sie eine Belohnung bekommen, wenn sie mit ihrer Pfote den Bildschirm, auf welchem das Hundefoto zu sehen ist, antapsen.

In den ersten drei Trainingsdurchgängen wurde immer das gleiche Hundebild verwendet, während auf dem anderen Bildschirm entweder nichts oder nur das Bild einer Kuh zu sehen war. Erwartungsgemäß verstanden die Vierbeiner ihre Aufgabe schnell und tapsten verlässlich nur das Bild ihres vierbeinigen Kumpanen an.

Die Anforderungen des eigentlichen Experiments waren wesentlich höher. In diesem wurden den angelernten Hunden noch nie zuvor gesehene Fotos von Artgenossen und unbekannte Tier- und Menschenbilder gezeigt. Insgesamt präsentierte man den den Testhunden über 144 verschiedene Bildpaare, bei denen sie jeweils den Hund anzeigen sollten.

Diese schwierige Aufgabe wurde mit hoher Zuverlässigkeit von Studienteilnehmern gemeistert. Hunde scheinen also in der Lage zu sein, ihre Artgenossen auf Bildern sicher zu identifizieren, egal ob Pudel, Nackthund oder Dogge.

Wie genau unseren Hunden diese kleine Meisterleistung gelingt und anhand welcher optischen Merkmale sie Artgenossen so zuverlässig kategorisieren können, ist derzeit noch ihr Geheimnis.


  1. Tinbergen N (1953) Social behaviour in animals with special references to vertebrates. Methuen & Co. Ltd, London 

  2. Porter RH (1987) Kin recognition: functions and mediating mechanisms. In: Crawford C, Smith M, Krebs D (eds) Sociobiology and psychobiology: ideas, issues and applications. Lawrence Erlbaum Associates, Mahwah, NJ, pp 175–203 

  3. Pokorny, J.J., & de Waal, F.B.M. (2008). Faces and behinds: Chimpanzee sex perception. Advanced Science Letters, 1, 99-103. 

  4. Kendrick KM, Atkins K, Hinton MR, Heavens P, Keverne B (1996) Are faces special for sheep? Evidence from facial and object discrimination learning tests showing effects of inversion and social familiarity. Behav Process 38(1):19–35 

  5. Autier-Dérian D, Deputte BL, Chalvet-Monfray K, Coulon M, Mounier L. 2013. Visual discrimination of species in dogs (Canis familiaris). Animal Cognition, 16, 637—651.