am Sonntag, 24Apr2016 in der Gruppe Kritisch beleuchtet

Über den Einfluss diverser Nahrungsbestandteile und Nahrungsergänzungsmittel auf das Hundeverhalten findet man eine Fülle an Informationen. Fundierte Erkenntnisse gibt es auf diesem Feld andererseits nur wenig. Besonders umstritten sind Ernährungsratschläge, die sich auf den Eiweißbaustein Tryptophan beziehen.1 Eine erhöhte Zufuhr von Tryptophan soll der Reduktion von problematischem Angst- und Aggressionsveralten dienen.

Ernährung und Verhalten

Die Nervenzellen des Gehirns und zentralen Nervensystems sind verantwortlich für die Wahrnehmung, Weiterleitung und Verarbeitung von Reizen. Dabei werden die Informationen mittels Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern, von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergegeben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Störungen des Neurotransmitterhaushalts Auswirkungen auf die Hirnfunktion und somit das Verhalten haben.2

Ein niedriger Spiegel des Neurotransmitters Serotonin steht beispiesweise bei vielen Tierarten im Zusammenhang mit überdurchschnittlich aggressivem Verhalten. 3 Weiterhin ist ein Serotoninmangel mit verstärkter Ängstlichkeit, höherer Reaktivität und einer geringeren Stresstoleranz verbunden.34

Die Bausteine vieler Neurotransmitter müssen über die Nahrung aufgenommen werden. So dient die in vielen Lebensmitteln enthaltene Aminosäure Tryptophan als Baustoff für die Bildung von Serotonin.5

Mittlerweile gibt es für den Vierbeiner eine ganze Reihe an tryptophanhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln. Die erhöhte Tryptophanzufuhr soll den Serotoninspiegel anheben und auf diesem Weg Ängstlichkeit und Aggressivität reduzieren. Außerdem wird dem Tryptophan eine beruhigende Wirkung zugeschrieben, von der schnell gestresste und sich in akuten Belastungssituationen befindliche Hunde profitieren würden.67

Tryptophan und Aggressionsprobleme

In einer vielzitierten Studie von DeNapoli wurden die Auswirkungen vier verschiedener Fütterungsarten auf die Verhaltensprobleme “Dominanzaggression”, “Territoriale Aggression” und “Hyperaktivität” untersucht. Als Ergebnis wird angeführt, dass eine proteinarme Diät mit zusätzlicher Tryptophangabe territoriales Aggressionsverhalten reduziert.8

Ist es also hilfreich, einen “territorial aggressiven” Hund proteinarm zu füttern und ihm Tryptophan zu verabreichen? Die methodischen Mängel der Studie sind zu groß, um eine Aussage darüber treffen zu können.

Die jeweiligen Fütterungsformen und deren Auswirkung auf das Verhalten wurden nur über den Zeitraum von einer Woche beobachtet. In solch kurzen Zeiträumen spielen tagesformbedingte und durch andere Faktoren als die Fütterungsart verursachte Verhaltensschwankungen eine viel zu große Rolle. Eine Woche ist daher zu kurz um zu testen, ob wirklich die Fütterung das Verhalten verändert.

Zudem beurteilten nur die jeweiligen Besitzer das Verhalten der Hunde. Eine unabhängige, unvoreingenommene und somit objektive Überprüfung des Hundeverhaltens fand nicht statt.

Tryptophan und Ängstlichkeit

Eine in den Niederlanden durchgeführte Studie untersuchte den Einfluss von Tryptophan auf Hunde mit angstbedingten Verhaltensproblemen. Die Hälfte der 138 rekrutierten ängstlichen Hunde bekam 8 Wochen lang ein Standard-Hundefutter, während der anderen Hälfte ein mit Tryptophan angereichertes Futter verabreicht wurde.9

Weder der Besitzer noch die Wissenschaftler wussten, in welcher dieser beiden Gruppen ihr Hund eingeteilt war. Diese Art des Versuchsaufbau wird als Doppelblindstudie bezeichnet und verhindert, dass Erwartungen und Bewertungen gegenüber der zu prüfenden Substanz unbewusst die Beobachtung der Hundehalter und Forscher beeinflusst.

Im Zeitraum der 8 Wochen konnten seitens der Besitzer keine Verhaltensänderungen beobachtet werden, welche auf die tryptophanreiche Fütterung hätten zurückgeführt werden können. Auch die Reaktion der Hunde auf verschiedene Angstauslöser blieb von der Tryptophangabe unbeeinflusst.

Insgesamt konnte in dieser Studie also keine angstreduzierende Wirkung des Tryptophanzusatzes festgestellt werden.

Tryptohanreiche Fütterung

Ein anderer Ansatz besteht darin, ohne ein zusätzliches Nahrungsergänzungsmittel den Serotoninspiegel im Gehirn zu erhöhen. Regelmäßig tauchen Listen mit tryptophanreichen Lebensmitteln auf, deren vermehrte Fütterung eine stimmungsaufhellende, aggressionsreduzierende und entspannende Wirkung auf den Hund haben soll.

Der Plan geht jedoch nicht auf. Denn um als Baustofff für Serotonin dienen zu können, muss Tryptophan zunächst in das Gehirn gelangen. Konkurrieren gleichzeitig zu viele andere Aminosäuren um den Eintritt in das Hirn, kann nur eine geringe Menge an Tryptophan die Barriere zwischen Blutkreislauf und Gehirn passieren.10 Die meisten tryptophanreichen Lebensmittel besitzen aber einen hohen Anteil dieser konkurrierende Aminosäure.

Der Serotoninspiegel im Gehirn kann also nicht durch das Füttern von Truthahnfleisch, Quark und Malzbier erhöht werden.

Auch die gelegentlich empfohlenen, komplizierten Fütterungskonzepte, bei denen verschiedene eiweiß- und kohlenhydratreiche Futterbestandteile in bestimmten Abständen zueinander gefüttert werden sollen, haben in der Praxis keinen bedeutsamen Wert für den Serotoninspiegel.

Das Gleiche gilt für die Empfehlung, ängstlichen und aggressiven Hunden des Tryptophans wegen eine proteinarme Diät zu verabreichen. 11

Yay or Nay

Bisher gibt es keine Beweise, dass Hunde von Tryptophan als Nahrungsergänzungsmittel bei Angst-, Stress-, und Aggressionsproblemen profitieren. Die Verabreichung von Tryptophan und die tryptophanbezogenen Ernährungshinweise zielen darauf ab, das Verhalten durch Anheben des Serotoninspiegels zu beeinflussen. Ob jedoch dieses Nahrungsergänzungsmittel oder damit angereichertes Futter einen Einfluss auf den Serotoninspiegel im Hundehirn haben, ist fraglich.12

Auch Versuche, die Serotoninbildung durch bestimmte tryptophanreiche Nahrungsmittel oder durch die Fütterung proteinarmer Nahrung anzukurbeln, sind wenig vielversprechend.11

Als Nahrungsergänzungsmittel ist Tryptophan zudem nicht gänzlich nebenwirkungsfrei. Eine länger andauernde Gabe steht im Verdacht, vermehrt die Bildung von zell- und das Nervensystem schädigenden Stoffen zu fördern 13 14 Außerdem sorgen therapeutisch wirksame Dosen beim Menschen häufig für Übelkeit.11


  1. Overall KL. Manual of Clinical Behavioral Medicine for Dogs and Cats, Elsevier, St. Louis, 2013 

  2. Bosch G, Beerda B, Hendriks WH, van der Poel AF, Verstegen MW (2007) . Impact of nutrition on canine behaviour: current status and possible mechanisms. Nutr Res Rev 20:180-94 

  3. Panksepp, J. & Biven, L. Archaeology of Mind: Neuroevolutionary Origins of Human Emotions, New York: Norton 2012. 

  4. Sachs B. D., Ni J. R. & Caron M. G. Brain 5-HT deficiency increases stress vulnerability and impairs antidepressant responses following psychosocial stress. Proc Natl Acad Sci USA 112, 2557–2562, (2015) 

  5. Dawn M Richard,1 Michael A Dawes et al, “L-Tryptophan: Basic Metabolic Functions, Behavioral Research and Therapeutic Indications”, Int J Tryptophan Res. 2009; 2: 45–60. 

  6. Markus CR, Olivier B, Panhuysen GE, Van Der Gugten J, Alles MS, Tuiten A, Westenberg HG, Fekkes D,Koppeschaar HF & de Haan EE (2000) The bovine protein a-lactalbumin increases the plasma ratio of tryptophan to the other large neutral amino acids, and in vulnerable subjects raises brain serotonin activity, reduces cortisol concentration, and improves mood under stress. Am JClin. Nutr 71, 1536– 1544. 

  7. W. Jean Dodds DVM and Diana R. Laverdure Canine Nutrigenomics: the New Science of Feeding Your Dog for Optimum Health, Dogwise 2015 

  8. DeNapoli JS, Dodman NH, Shuster L, Rand WM & Gross KL (2000) Effect of dietary protein content and tryptophan supplementation on dominance aggression, territorial aggression, and hyperactivity in dogs. J Am Vet Med Assoc 217, 504– 508. 

  9. Bosch G, Beerda B, Beynen AC, et al. Dietary tryptophan supplementation in privately owned mildly anxious dogs. Appl Anim Behav Sci2009; 121:197-205 

  10. Fernstrom JD & Wurtman RJ (1972) Brain serotonin content: physiological regulation by plasma neutral amino acids. Science 178, 149– 152 

  11. Soh N, Walter G. Tryptophan and depression: Can diet alone be the answer? Acta Neuropsychiatrica. 2011;23(1):3–11. 

  12. Turner EH, Loftis JM, Blackwell AD. Serotonin a la carte: supplementation with the serotonin precursor 5-hydroxytryptophan. Pharmacol Ther. 2006;109:325–338 

  13. Costantino G. New promises for manipulation of kynurenine pathway in cancer and neurological diseases. Expert Opin Ther Targets. 2009 Feb;13(2):247-58 

  14. Coşkun S, Ozer C, Gönül B, Take G, Erdoğan D. The effect of repeated tryptophan administration on body weight, food intake, brain lipid peroxidation and serotonin immunoreactivity in mice. Mol Cell Biochem. 2006 Jun;286(1-2):133-8.