am Donnerstag, 30März2017 in der Gruppe Parasiten

Am 29.03.2017 lief im Mittagsmagazin “RTL Punkt 12” ein Bericht über das Parasitenschutzmittel Bravecto. Die regelmäßig montags bis freitags erscheinende Sendung erreicht mit ihrem Mix aus Nachrichten- und Klatschthemen sehr viele Personen. Wie zu erwarten, wird das eh schon häufig kontrovers betrachtete Bravecto seit der Ausstrahlung in den sozialen Medien rauf und runter diskutiert. Der mit möglichst dramatischen Musik-Einspielern unterlegte, stark einseitige Bericht verlangt nach einer nüchternen Bestandsaufnahme.

Zeckenschutz ist wichtig - mal mehr, mal weniger

Die von Zecken ausgehende Gefahr sollte nicht unterschätzt werden. Gerade auch in Deutschland breiten sich gefährliche, mittels Zecken übertragene Erreger bedingt durch wärmere Temperaturen rasant aus. Zu diesen zunehmend häufiger auftretenden Krankheiten gehören neben der oft bekannten Borreliose die Anaplasmose und Babesiose.1 Oft verlaufen Infektionen mit beiden letzteren tödlich für den Hund. In anderen Fällen führen sie zu lebenslang andauernden, schwer behandelbaren Schmerzen oder Krampfanfällen. Je nach Wohngebiet und Hund, denn manche Hunde sind attraktiver für Zecken als andere, ist deswegen ein Zeckenschutzprodukt eine wichtige Gesundheitsvorsorge. Das gilt umso mehr für aktive Hunde, die viel in natürlicher Umgebung und nicht nur auf Asphaltwegen um den städtischen Hausblock herum unterwegs sind. 2

Den idealen Zeckenschutz gibt es nicht

Jede Methode zur Vorbeugung von Zeckenerkrankungen hat Vor- und Nachteile. Alternativ- Produkte wie das in der Sendung erwähnte Kokosöl hat sich in kontrollierten Experimenten nicht als zeckenabwehrend erwiesen.3

In Studien hat sich auch gezeigt, dass regelmäßiges Absammeln sehr fehleranfällig ist und über die Hälfte der Zecken erst nach 3 Tagen Saugzeit von Besitzern gefunden werden. Das gilt auch für die Besitzer, die nach Selbsteinschätzung ihren Hund sehr sorgfältig und mehrfach täglich absuchen.4 In dieser Zeit sind die jeweiligen Krankheitserreger bereits von der Zecke in den Hund gewandert.

Äußerlich anwendbare Zeckenschutzmittel sind schon recht lange auf dem Markt und haben den Vorteil, dass sie oft eine abschreckende Wirkung auf die Zecken haben. Sie werden somit vom Hund vertrieben, bevor sie überhaupt zubeißen. Häufig auftretende Nebenwirkung von ihnen sind Juckreiz und Hautreizungen. Eine trockene oder verletzte Haut, sehr dichtes Fell und fehlerhaftes Auftragen können zu einem mangelnden Schutz führen. Die in den äußerlichen Mitteln enthaltenen Stoffe greifen das Nervensystem der Zecken an.

Einige sensible Hunde wie solche, die unter Anfallserkrankungen leiden, reagieren in seltenen Fällen mit neurologischen Nebenwirkungen wie Muskelzittern, Bewegungsstörungen, Lähmungen oder Krampfanfällen. Diese Nebenwirkungen treten gelegentlich auf, obwohl sich die Mittel eigentlich nur in den oberen Hautschichten anlagern und demnach nicht zu solchen Reaktionen führen sollten. Besonders kleinere Rassen scheinen jedoch eine dünne, durchlässige Haut zu besitzen und viele Hunde benagen oder belecken sich, wodurch der Wirkstoff aufgenommen wird.56 Gewisse Teile des Wirkstoffs gelangen wie bei dem bekannten Frontline auch durch die Haut in den Blutkreislauf des Hundes.7

Zudem entwickeln mehr und mehr Zeckenpopulationen Resistenzen gegenüber den in Spot Ons und Halsbändern enthaltenen Stoffen. Diese wirken dann weder abschreckend noch abtötend auf die Parasiten und schützen den Hund in diesem Fall nicht vor Zeckenerkrankungen.8

Bravecto

Bei Bravecto handelt es sich um einen recht neuen Wirkstoff, gegen den Parasiten noch keine Resistenzen gebildet haben. Er bietet bei richtiger Anwendung vor Anaplasmose, Babesiose und Borreliose einen derzeit sehr sicheren Schutz, da die Zecke innerhalb von 12 Stunden verstirbt und so die entsprechenden Erreger mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht übertragen kann. Vor der sogenannten FSME, eine durch Zecken übertragene Form der Hirnhautentzündung, kann Bravecto nicht schützen. Diese Krankheit tritt jedoch extrem selten und nur bei stark immungeschwächten Hunden auf.

Zu Risiken und...

Alle Mittel die wirken, haben auch Nebenwirkungen. Von Nachteil bei Bravecto ist, dass das Produkt noch nicht lange auf dem Markt ist und so über Langzeitnebenwirkungen recht wenig bekannt ist. Die Lage sieht bei anderen, bewährten Zeckenschutzmitteln aber nicht viel besser aus, denn das notwendige Bewusstsein dafür, Nebenwirkungen den entsprechenden Behörden weiterzuleiten, besteht in dieser Stärke bei Besitzern von Heimtieren erst seit recht kurzer Zeit. 9

Bei Bravecto kommt es möglicherweise in sehr seltenen Fällen bei dafür anfälligen Tieren zu ähnlichen neurologischen Nebenwirkungen wie bei den Spot Ons und Halsbändern. Zu solchen anfälligen Hunden zählen beispielsweise von Epilepsie betroffene. Deshalb generell von Bravecto abzuraten oder es vom Markt sehen zu wollen, ist wenig zielführend. Stattdessen ist es wichtig, bei jedem individuellen Vierbeiner eine Kosten- Nutzen Rechnung von Zeckenschutzmitteln aufzustellen. Der Großteil von Menschen verträgt eine gelegentlich eingenommene Kopfschmerztablette wie eine Aspirin sehr gut. Für unter Asthma leidende Personen kann Aspirin jedoch tödlich sein. Eine bestimmte Teilgruppe darf also Aspirin nicht verwenden, für andere ist es ein verhältnismäßig nützliches Mittel bei leichten Schmerzen und wiederum für weitere, wie einige Patienten mit Verkalkung der Gefäße, ein Lebensretter.

Die Nebenwirkungsrate von Bravecto ist derzeit sehr niedrig und bewegt sich im Bereich von 0,04 Prozent. Der Großteil dieser Nebenwirkungen besteht aus vorübergehendem Juckreiz und leichtem Durchfall.10

Zufall oder Zusammenhang

In der Sendung wie auch in den sozialen Medien werden über viele Todesfälle und schwerwiegende Nebenwirkungen durch Bravecto berichtet. An dieser Stelle wird es schwierig: In den Studien zur Zulassung des Medikaments ist es nicht zu solchen Nebenwirkungen gekommen. Diese Studien beinhalten aber immer nur eine gewisse Anzahl von Tieren und so ist es nicht möglich, das gesamte Spektrum sehr seltener und nur bei speziellen Tieren auftretender Nebenwirkungen zu erfassen. Deswegen erfassen Behörden wie die Europäische Arzneimittelagentur Nebenwirkungen, die von Tierärzten und Tierbesitzern nach Veröffentlichung des jeweiligen Präparats beobachtet und gemeldet wurden. Treten gefährliche Nebenwirkungen sehr oft auf und übersteigen die Risiken des Mittels den Nutzen, wird es vom Markt genommen.

Ob aber beobachtete Beschwerden oder sogar Todesfälle auf die Verabreichung von beispielsweise Bravecto zurückzuführen sind, lässt sich schwer sagen. Beides kann bedingt durch den Zufall zeitgleich mit dem Verabreichen eines Präparats zusammenfallen. Schnell wird dann darauf geschlossen, dass Bravecto die Ursache dafür ist. Um zu ermitteln, ob ein Mittel mit hoher Wahrscheinlichkeit verantwortlich für Beschwerden ist oder nicht,werden einerseits die Nebenwirkungsmeldungen und andererseits komplizierte mathematische Berechnungsmodelle gebraucht. Mittels letzterer können Behörden die Nebenwirkungsmeldungen auswerten und berechnen, ob ein Produkt wie Bravecto die Ursache für die gemeldeten Auffälligkeiten sein könnte.

Dieser Vorgang fand und findet für Bravecto statt. Seit Markteinführung wird Bravecto seitens der Behörden engmaschig überwacht und derzeit wird ausgewertet, ob in der Packungsbeilage der Hinweis hinzugefügt werden muss, dass Bravecto in seltenen Fällen bei empfindlichen Tieren zu neurologischen Nebenwirkungen führen kann. Weil sich viele besorgte Hundebesitzer bei dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gemeldet haben, hat dieses einen Artikel zu Bravecto veröffentlicht. Darin werden die erwähnten Vorgänge zur Risikobewertung eines Medikaments beschrieben.

Was auffällig oft falsch verstanden wird: Die Überwachung des Medikaments durch die Behörden wurde nicht durch Druck von Tierbesitzern und Tierärzten initiiert. Mittels dieses Artikels wurde lediglich über die unabhängig stattfindenden Vorgänge informiert.

Es fehlen Langzeitstudien

Vor einer Markteinführung stattfindende Studien, in denen über mehrere Jahre mittels experimenteller Untersuchungen mögliche Langzeitnebenwirkungen erforscht werden, gibt es in der Veterinärmedizin so gut wie nie. Deswegen sind Meldungen von beobachteten Nebenwirkung seitens der Tierbesitzer und die behördliche Überwachung umso wichtiger. Im Gegensatz zu Zeiten der Markteinführung von mittlerweile bewährten Mitteln in Spot Ons und Schutzhalsbändern, werden durch ein verbessertes Meldesystem Nebenwirkungen neuer Präparate schneller und besser überwacht sowie reguliert.

Warum Bravecto?

Auch in dieser Sendung ging es nur um Bravecto. Neben Bravecto gibt es noch zwei weitere, ähnliche Mittel auf dem Markt. Aus den Berichten der amerikanischen und europäischen Behörden ist erkenntlich, dass z.B. Nexgard nicht weniger Nebenwirkungsmeldungen besitzt. Einen sachlichen Grund für die mediale Vernachlässigung der anderen beiden Tabletten zum Schutz vor Parasiten gibt es nicht.

Einem Menschen würde man doch sowas auch nicht geben

Das ist so nicht richtig. Antiparasitika wie das bei Hunden gegen Zecken, Milben und einigen Wurmarten eingesetzte Ivermectin wird auch bei Menschen oral verwendet. Um die sogenannte “Flussblindheit” in tropischen Gebieten zu verhindern, wurden bereits über 80 Millionen Menschen erfolgreich mit der oralen Einnahme von Ivermectin behandelt. Dabei kam es sehr selten zu Nebenwirkungen, die in der Regel nur mild und vorübergehend waren. Derzeit wird intensiv an den Einsatz von diesem und weiteren oralen Insektiziden zur Vorbeugung von Malaria und anderen durch Parasiten übertragene Krankheiten geforscht.11

Fazit

Um das individuell richtige Mittel für den Hund zu finden und um zu bewerten, ob es eines Zeckenschutzes bedarf, ist der Tierarzt der richtige Ansprechpartner. Ein Tierarzt, der umfassend berät, den jeweiligen Vierbeiner kennt und diesen zuvor auch gründlich untersucht hat. Mittel gegen Parasiten wie Bravecto sind absolut notwendige Präparate. Nicht nur zum Schutz von vor Zeckenerkrankungen gefährdeten Hunden, viel mehr noch bei solchen mit einer starken Flohspeichelallergie oder einem zuvor therapieresistenten Milbenbefall. In dieser Hinsicht haben sich die neuen oralen Produkte als Segen für viele Hunde erwiesen. Wie schon an andere Stelle treffend gesagt wurde: “Mich stimmt es traurig, dass das Vertrauen in diese wissenschaftsbasierten Entscheidungen immer mehr einer Meine-Meinung-ist-trotzdem-richtig-Attitüde zum Opfer fällt. Postfaktische Glaubenskriege schaden den Tieren mehr als jede Nebenwirkung”


  1. Schreiber, C., Krücken, J., Beck, S., Groß, M., Pachnicke, S., Krieger, K.J., Kohn, B., Himmelstjerna, S. (2013) ‘Zeckenübertragene Infektionserreger bei Hunden im Raum Berlin/Brandenburg: Prävalenzen und Untersuchungen zum Infektionsrisiko(2013)‘, 21. Jahrestagung der FG Innere Medizin und klinische Labordiagnostik der DVG (InnLab), Tierärztliche Praxis/Ausgabe K, Kleintiere, Heimtiere, Bd. 4 

  2. Untersuchungen zum Vorkommen, Verbreitung von Zecken  

  3. In Vivo Test Method for Repellents 

  4. Beck S, Schreiber C, Schein E, Krücken J, Baldermann C, Pachnicke S, von Samson-Himmelstjerna G, Kohn B. Tick infestation and prophylaxis of dogs in northeastern Germany: a prospective study. Ticks Tick Borne Dis. 2014 Apr;5(3):336-4 

  5. Flea and Tick Treatment AMVA 

  6. Topische Mittel für Hund und Katze 

  7. Fipronil 

  8. Insecticide/acaricide resistance in fleas and ticks infesting dogs and cats 

  9. Veterinary pharmacovigilance 2014 

  10. Bravecto 

  11. Effect of Ivermectin on Anopheles gambiae Mosquitoes Fed on Humans: The Potential of Oral Insecticides