am Sonntag, 8 Mai 2016

Die meisten Vierbeiner sind bei hohen Temperaturen alles andere als glücklich. Im Gegensatz zu uns sind sie wesentlich schlechter gegen die Hitze gewappnet. Viele Hundebesitzer fragen sich daher, ob sie dem Hund das Leben im Sommer durch Scheren des Fells angenehmer machen können. Besonders Besitzer von Hunden mit langem Fell und viel Unterwolle berichten über zahlreiche positive Auswirkungen. Kritische Stimmen in Sachen Scheren kommen dagegen häufig von Hundefriseuren und Groomern. Radikalschuren würden keine Hitzeerleichterung bringen, die Fellqualität zerstören und im schlimmsten Fall zu komplettem Haarverlust führen.

Warum Hunde kein Deo brauchen

Wie fast alle Säugetiere sind auch Mensch und Hund auf eine gleich bleibende Körpertemperatur angewiesen.1 Heiße Umgebungstemperaturen und Sonnenstrahlung können sie jedoch über einen längeren Zeitraum erhöhen. Die dadurch verursachte Überhitzung des Körpers führt zu lebensbedrohliche Konsequenzen wie Gehirnschäden und Organversagen. 2 Es ist daher überlebensnotwendig, die erhöhte Körpertemperatur durch kühlende Mechanismen wieder senken zu können.

So leistet beispielsweise Verdunstungskälte einen wichtigen Beitrag zur Temperaturregulation bei drohender Überhitzung. Menschen besitzen etwa 2-4 Millionen über den ganzen Körper verteilte Schweißdrüsen. 3 Bei steigenden Körpertemperaturen sondern die Schweißdrüsen eine als “Schweiß” bekannte Flüssigkeit ab, die zu 99 Prozent aus Wasser besteht.

Das Wasser aus den Schweißdrüsen benetzt die Haut und verdampft durch Wärme und Sonnenstrahlung. Die Umwandlung des flüssigen Wassers in einen gasförmigen Zustand entzieht der Körperoberfläche Wärme. Die daraus entstehende Verdunstungskälte kühlt das Blut und senkt dadurch die zu hohe Körpertemperatur.

Kleidung, welche die mit Schweiß befeuchtete Hautoberfläche überdeckt, behindert diesen Kühlprozess.4 Daher ist das Tragen kurzer Anziehsachen bei Hitze sinnvoll. Sie legen große Anteile der Haut frei, auf denen das Schweißwasser verdampfen und so den Körper kühlen kann. Je kürzer die Kleidung, desto größer ist der Kühleffekt.

Auch Hunde verfügen am gesamten Körper über zahlreiche, hauptsächlich sogenannte apokrine Schweißdrüsen. Allerdings reagieren die apokrinen Schweißdrüsen bei zu hoher Körpertemperatur nicht mit der Absonderung von Schweiß. 5 Der Vierbeiner besitzt folglich nicht die Möglichkeit, durch Schwitzen seine Temperatur zu regulieren. Ein radikales Scheren des Fells, um für möglichst viel freiliegende Hautfläche ähnlich unserer Sommerbekleidung zu sorgen, bringt dem Hund daher nur wenig.

Für den Hund ist nämlich das sogenannte Hecheln der wichtigste Überhitzungsschutz. Mit geöffneter Schnauze und heraushängender Zunge wird intensiv ein- und ausgeatmet. Der Speichel auf Zunge und Mundschleimhäuten sowie das flüssige Sekret des Nasseninnenraums verdampfen dabei und sorgen für Verdunstungskälte. Bis zu 400mal in der Minute atmen Hunde während des Hechelns ein und aus. 6 Denn je schneller der Hund atmet, desto zügiger verdampft durch den Luftzug das Wasser von Nase und Mund.

Obwohl sich unsere Hund zum größten Teil über das Hecheln die notwendige Abkühlung verschaffen, spielt das Haarkleid dennoch eine Rolle. Hunde mit dickem und dichtem Fell sind besonders gefährdet, in der Wärme des Sommers einen Hitzschlag zu erleiden. 7

Des Hundes Kleider

Die gezielte Hundezucht hat zu den unterschiedlichsten Varianten des Haarkleides geführt. Während es völlig unbehaarte Exemplare gibt, tragen andere ganze Fellberge mit sich. Einige Fellvarianten machen es dem Hund in der sommerlichen Hitze ganz besonders schwer.

Oft besitzen Hunde ein zweischichtiges Fell. Dabei dient eine Schicht aus gröberen Deckhaaren zum Schutz vor Verletzungen, Sonneneinstrahlung und Nässe. Unter den Deckhaaren befindet sich die Unterwolle. Sie besteht aus zahlreichen feinen, dicht an der Haut liegenden Wollhaaren. Die Unterwolle hilft dem Hund dabei, seine Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Ihre Isolierfunktion ähnelt der einer Thermoskanne. In Kombination mit den Deckhaaren bildet die Unterwolle eine Art Luftpolster. Bei kalten Temperaturen wird durch das Luftpolster weniger Körperwärme nach Außen abgegeben. Der Hund wird dadurch bei Kälte warm gehalten und friert weniger schnell.

Auch bei warmen Wetter wirkt die Luftbarriere isolierend, was sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt. Sie schützt den Hundekörper vor Überhitzung durch das Abschirmen der heißen Umgebungsluft. 8 Aber nur ein ruhender Hund kann dadurch seine Körpertemperatur halten.

Sobald er sich bewegt, heizt sich der Körper durch die Arbeit der Muskulatur auf. Die Abgabe dieser Körperwärme an die Umwelt ist bei hohen Außentemperaturen stark eingeschränkt und wird durch die Unterwolle noch zusätzlich erschwert. 9 Je dicker die Unterwolle ist, desto weniger Körperwärme kann entweichen. Aufgrund dessen sind besonders aktive Hunde mit dichter Unterwolle gefährdet, einen tödlichen Hitzeschlag zu erleiden. Auffällig ist in dieser Hinsicht auch, dass die viele aus warmen Gebieten stammenden Hunderassen ein kurzes Fell ohne Unterwolle besitzen.

Ist Scheren die Lösung?

Das Einkürzen von Deckhaar und Unterwolle scheint zunächst eine sinnvolle Lösung, um dem Wärmestau bei hohen Temperaturen vorzubeugen.

Bei einer radikalen Schur werden in der Regel auch die Deckhaare stark eingekürzt. Um ihre wichtige Funktion als Sonnenschutz leisten zu können, müssen diese eine glänzende Oberfläche auf dem Hund bilden, welche die Sonnenstrahlung reflektiert 10. Hunde mit besonders kurz geschorenem Haar sind daher stärker anfällig für Sonnenbrand und Hautkrebs. Ein weiteres Problem besteht im gelegentlich schlechten Nachwachsen der geschorenen Haare. Häufig sind Erkankungen des Hormonhaushaltes wie eine Schilddrüsenunterfunktion die Ursache, wenn abrasierte Haare nur schlecht oder gar nicht mehr wachsen.11 Das Phänomen tritt jedoch auch bei gesunden Hunden auf. Als Grund werden Veränderungen der Hautdurchblutung von geschorenen Hunden vermutet.12

Die Oberhaut des Hundes, Epidermis genannt, ist dünner als die des Menschen. Daher hat eine veränderte Hauttemperatur beim Vierbeiner einen größeren Einfluss auf die unter der Oberhaut liegenden Blutgefäße. Das Haar zahlreicher Hunde besitzt mehrere Wachstumsphasen. In der anagenen Phase wird die Haarwurzel mit Nährstoffen versorgt und wächst, bis es seine Endgröße erreicht hat. In der darauffolgenden Ruhephase, der telogenen Phase, wächst das Haar nicht mehr.

Die Haare einiger Rassen wie dem Pudel oder dem Bichon Frise befindet sich hauptsächlich in der anagenen Wachstumsphase und würden ohne Schneiden endlos wachsen. Andere Rassen besitzen ein Fell mit sich hauptsächlich in der telogenen Ruhephase befindenden Haaren. Zu ihnen gehören besonders viele plüschfellige Rassen wie der Husky, der Alaskan Malamute, der Chow Chow und Spitze. Bei Hunden dieses Felltyps kommt es besonders häufig zu einem Wachstumsstop der Haare nach einer Schur. Die mit dem Scheren eingehenden Durchblutungsveränderungen versetzen das Haar vermutlich in eine verlängerte, telogene Ruhephase. Erst nach Monaten oder manchmal Jahren wächst das Fell wieder nach und kann seine schützende Funktion bis dahin nicht ausüben.13

Ein sehr kurz geschorenes Fell kann also sein Funktion als Schutz vor Sonnenstrahlung nicht mehr ausreichend erfüllen. Neben einem erhöhten Sonnenbrandrisiko sind besonders hellhäutige Hunde gefährdet, sonnenbedingte Hautinfektionen und Vernarbungen zu erleiden. Weiterhin steigt das Risiko für verschiedene Hautkrebsarten wie dem Plattenepithelkarzinom.14 Mittlerweile gibt es jedoch für Hunde auch Sonnenschutzprodukte, die auf empfindliche Stellen und im Falle einer unumgänglichen kurzen Schur verwendet werden können.

Viele Faktoren sprechen dagegen, dem Hund das Fell bis auf wenige Millimeter zu kürzen. Die wichtige Schutzfunktion vor Umwelteinflüssen wie der Sonnenstrahlung kann es so nicht erfüllen.

Dennoch ist es möglich, dem Hund mit einer Sommerfrisur die warmen Tage angenehmer zu machen. Durch das sogenannte Carding kann der Hund von seiner bei Wärme störenenden Unterwolle mit speziellen Bürsten befreit werden. Die Deckhaare können dabei weiterhin eine glänzende Schicht über dem Hundkörper bilden und ihre Schutzfunktion erfüllen. Zudem werden scherbedingte Wachstumsstörungen des Haarkleids bei den dafür anfälligen Rassen vermieden.

Beratung rund um den hündischen Sommerhaarschnitt bieten kompetente Hundefriseure.


  1. Tischer, Alexander: Derœ Effekt von Wärme- und Feuchtigkeitsaustauschern auf die intraoperative Temperaturentwicklung bei Hund und Katze Berlin, Freie Universität Berlin, Diss., 2010  

  2. Heat stroke in dogs: A retrospective study of 54 cases (1999-2004) and analysis of risk factors for death byYaron Bruchin, Eyal Klement, Joseph Saragusty, Efrat Finkeilstein, Philip Kass in Journal Vet Internal Medicine. Jan – Feb; 20(1): 38- 46  

  3. Bolognia, Jean; Jorizzo, Joseph L; Schaffer, Julie V (2012): Dermatology. [Philadelphia]: Elsevier Saunders. 

  4. Gavin TP. Clothing and thermoregulation during exercise. Sports Med 2003: 33 (13): 941–947. 

  5. Aoki, T. and Wada, M.: Functional activity of the sweat glands in the hairy skin of the dog. Science, 114: 123, 1951.  

  6. Dukes, H. HDYE, Joseph Alma (1955): The Physiology of Domestic Animals Seventh edition. London: Baillière, Tindall & Cox. 

  7. Bosak, J. K. (2004). Heat stroke in a Great Pyrenees dog. The Canadian Veterinary Journal, 45(6), 513–515. 

  8. Chesney, CJ: The microclimate of the canine coat: the effects of heating on coat and skin temperature and relative humidity. Vet Dermatol 1997, 8, 183-190. 

  9. 2006 Young, A.E., Bannasch, D.L. Morphological Variation in the Dog. In: Ostrander, E., Giger, U., Lindblad-Toh, K. (Eds), The Dog and Its Genome. Cold Spring Harbor Laboratory Press, Woodbury, NY, USA. 

  10. Miller, William H; Griffin, Craig E; Campbell, Karen L u. a. (2013): Muller & Kirk's small animal dermatology. St. Louis, Mo.: Elsevier 

  11. 20th proceedings of North American Veterinary Dermatology Forum : April 6-10, 2005, Sarasota, Florida / [editor, Beth A. Harrison]. 

  12. Troncy E, Junot S, Keroach S, et al. Results of preemptive epidural administration of morphine with or without bupivacaine in dogs and cats undergoing surgery: 265 cases (1997-1999). Journal of the American Veterinary Medical Association 2002; 221: 666-72. 

  13. Alopecia - Is it hormonal? Linda A. Frank, MS, DVM, Diplomate ACVD University of Tennessee, Department of Small Animal Clinical Sciences, C247 Veterinary Teaching Hospital, Knoxville, TN 37996-4544 

  14. Top 5 sun induced skin lesions