am Sonntag, 9Apr2017 in der Gruppe Wer heilt, hat Recht?

In den ersten beiden Teilen dieser Blogreihe habe ich beschrieben, wie schnell die Hoffnung auf Heilung die eigene Wahrnehmung verändern kann. Eine in der Realität völlig wirkungslose Behandlung kann so mitunter als hilfreich wahrgenommen werden. Je nach Art der Beschwerden ist jedoch eine Heilung oder Linderung der Symptome nicht zu übersehen und eindeutig nachweisbar.

So ein eindeutiger Fall ist beispielsweise ein Hauttumor, welcher nach der Anwendung eines bestimmten Mittels verschwindet. Wenig Diskussions-Spielraum lässt auch ein Hund zu, der nach einer langen Phase von völliger Entlastung einer Gliedmaße wieder auf vier Beinen läuft. Dienen derartige Beobachtungen als Nachweis für die Wirksamkeit einer Therapiemethode? Nein, denn sie verleiten leicht zu Fehlschlüssen.

Ursache und Wirkung

Treten zwei Ereignisse zeitgleich oder hintereinander in kurzer Abfolge auf, neigen wir dazu, einen sachlich bedingten Zusammenhang zwischen beiden zu sehen. Den muss es jedoch gar nicht geben. Wer sich eine Tierdokumentation im Fernsehen anschaut und hinterher unter Übelkeit leidet, wird wohl eher nicht von der Sendung als Auslöser für die Beschwerden ausgehen. Anders sieht es aus, wenn im Vorhinein eine bestimmte Erwartung besteht. Oft wird bei einer Erkältung ein heißes Zitronengetränk getrunken, welches zur Gesundung beitragen soll. Je nach Art des Erregers dauert eine Erkältung unterschiedlich lang. Fällt nun eine kurz andauernde Erkältung zufällig mit dem Trinken des Zitronengetränks zusammen, wird schnell daraus geschlossen: Eine heiße Zitrone hat dazu geführt, dass die Erkältung rascher abgeklungen ist. Solche Fehlschlüsse führen häufig dazu, wirkungslose Therapien ungerechtfertigt als Ursache einer Heilung zu sehen.

Selbstlimitierende Erkrankungen

Viele Krankheiten heilen nach einer gewissen Zeitspanne einfach aus. Verfügt der Hund über eine ausreichende Menge an Abwehrkräften, benötigt er bei einem Zwingerhusten keine weitere Behandlung und ist nach kurzer Zeit wieder gesund. Der sogenannte selbstlimitierende Krankheitsverlauf ist vielen Hundehaltern von Erkältungs- oder Magen-Darm-Erkrankungen bekannt. Er kommt aber auch bei zahlreichen anderen Beschwerden vor. Einige häufige auftretende Hauttumore verschwinden bei vielen Hunden von selbst, sogar dann, wenn sie zunächst eine beträchtliche Größe aufweisen. Ein Befall mit der sogenannten Demodex-Milbe führt bei einigen Junghunden zu kahlen, juckenden Hautstellen. Auch hier verschwinden oft die Symptome innerhalb weniger Wochen ohne weiteres Zutun.

Etwas komplizierter wird die Sache dann beispielsweise Erkrankungen wie der Leishmaniose. Dabei schleust die Sandmücke Leishmanien, kleine Parasiten, in den Hundekörper. Die Kleinstlebewesen können schwere Schäden an den Blutkörperchen, im Knochenmark und Organen verursachen. Unbehandelt verläuft die einmal ausgebrochene Leishmaniose oft tödlich. Eine kleine Anzahl an Hunden besitzt jedoch ganz spezielle Abwehrkräfte, die eine Heilung der Krankheit ohne Medikamente möglich macht.

Wird in der Krankheitsphase ein eigentlich wirkungsloses Globuli, Nahrungsergänzungsmittel oder eine andere Art der Therapie verabreicht, neigt man leicht dazu, diese als Ursache der Heilung anzusehen. Ursächlich ist dafür jedoch der natürliche Verlauf einer solchen selbstlimitierenden Erkrankung.

Rezidivierende Krankheitsverläufe

Ein großer Teil der Krankheiten, die den Vierbeiner plagen, bestehen neben den spontan heilenden auch aus solchen, in deren Verlauf die Beschwerden phasenweise ab- und zunehmen.

Bei einem durch Fehlstellungen der Hüfte bedingten Verschleiß von Gelenkknorpeln, der Hüftdysplasie, können nach einer schmerzhaften Phase im Junghundealter sogar Jahre bis zu erneuten Schmerzsymptomen vergehen. Generell erleben viele von Problemen des Bewegungsapparates betroffene Tiere einen Wechsel von stärkeren und Schmerzphasen. Wenn die Beschwerden einer solchen in Schüben verlaufenden Krankheit besonders stark sind, versucht man als Halter natürlich auf vielerlei Arten dagegen vorzugehen. Auch hier kann beim Einsatz wirkungsloser Mittel und Methoden der Eindruck einer heilenden Wirkung entstehen. Denn der Phase mit deutlichen Krankheitssymptomen folgt bei einem derartigen Verlauf ein mehr oder weniger beschwerdefreier Abschnitt. Diesen würde es aber auch ohne weiteres menschliches Zutun geben und der Erfolg wird fälschlicherweise diversen, eigentlich nicht wirksamen Therapieversuchen zugeschrieben.

Zeitgleich erfolgende Behandlungen

Behandeln Tierärzte und Halter Krankheiten, ergreifen sie dabei gelegentlich zeitgleich mehrere Maßnahmen. So erhält beispielsweise ein Hund neben einer Goldakupunktur gegen Schmerzen zusätzlich mehrere Einheiten Physiotherapie. Oder neben dem durch den Tierarzt verordneten Schmerzmittel werden vom Besitzer Kräutermischungen verabreicht. Wenn sich in den zur selben Zeit erfolgenden Therapien eine wirksame befindet, werden den anderen, nicht wirksamen irrtümlicherweise eine heilende Wirkung zugesprochen.

Fehldiagnosen

Dass hin und wieder Krankheiten falsch eingeschätzt und diagnostiziert werden, ist unumgänglich. Bei tierischen Patienten ist das Risiko nochmals größer, denn sie können sich nicht über ihren Krankheitszustand und die Art ihrer Beschwerden wie wir äußern.

Ein Beispiel aus der Praxis: Mein Pointer hatte innerhalb von zwei Tagen eine riesige Beule im Bereich seines Halses entwickelt. Die Vorstellung beim Tierarzt ergab den Verdacht von Lymphdrüsenkrebs, einer unheilbaren Krebserkrankung. Auch die erste Untersuchung der Zellprobe war darauf hinweisend. Zusätzlich schwoll das Bein, an welchem Blut entnommen wurde, riesig dick und blau an, was ein weiterer Hinweis für eine gestörte Blutgerinnung und die Diagnose Krebs war. Die umfassendere Untersuchung in einer Klinik ergab, dass der Pointer keinen Lymphdrüsenkrebs, sondern eine riesige Speicheldrüsenzyste gehabt hat. Diese zu operieren wäre auch schwierig gewesen, aber durch riesengroßes Glück gehörte mein Hund zu den wenigen, bei denen sich die Zyste von allein vollständig zurückbildete.

Hätte ich meinen Hund nicht weiter untersuchen und mit alternativen Methoden behandeln lassen, hätte ich unter Umständen Stein und Bein geschworen, dass die Mittelchen den Lymphdrüsenkrebs besiegt haben.

Fazit

Es gibt zahlreiche Gründe, warum einem völlig wirkungslosen Mittel eine heilende Wirkung zugesprochen wird. Ob und wie eine Therapiemaßnahme wirkt, lässt sich anhand von reinem Erfahrungswissen deswegen nur sehr eingeschränkt beurteilen.