Wie das Frauchen so das Wauwauchen. Alltagsweisheiten zum Thema Hund wie diese gibt es so einige. Auch bezüglich der Frage, wie individuelle Eigenschaften des Menschen den Vierbeiner beeinflussen. Seit einiger Zeit wird dieser interessante Aspekt der Mensch-Hund Beziehung näher wissenschaftlich untersucht. Ein schwedisches Forscherteam erkundete daher näher, wie sich das Stresslevel und die Persönlichkeit von Hundehalterinnen langfristig auf deren Hund auswirken.

Gefühlsansteckung

Viele dürften schon einmal die interessante Auswirkung gähnender Mitmenschen erlebt haben. Wer gähnende Personen sieht, muss oft automatisch mit-gähnen. Bestimmte Verhaltensweisen sind also in gewisser Weise übertragbar auf Mitmenschen. Das gilt jedoch nicht nur für Handlungen. Auch Gefühle, Stimmungen wirken ansteckend. Dieser Vorgang wird dann als Gefühlsansteckung bezeichnet. Emotionen und Zustände, die bei anderen wahrgenommen werden lösen dabei ähnliche Gefühle bei den Beobachtenden aus.

Zahlreiche Untersuchungen konnten demonstrieren, wie schnell sich positive oder negative Emotionen von Mensch zu Mensch übertragen. So fangen Säuglinge mit Schreien an, wenn sie andere weinende Kinder hören.1 Eltern, denen Videosequenzen von entweder lächelnden oder heulende fremden Neugeborenen vorgespielt wurden, reagierten auf letztere mit negativer Stimmung und körperlichen Stresssymptomen.2 In einer Studie werteten Wissenschaftler/innen Tagebucheinträge von zusammenarbeitenden Krankenschwester-Teams aus. Dabei gab es Hinweise dafür, dass die Gefühle einzelner Mitglieder die Stimmung der ganzen Gruppe beeinflussen können. Besonders stark zeigte sich der Effekt emotionalen Ansteckung bei Teammitgliedern, die sich besonders stark mit der Gruppe verbunden fühlten3

Eine weitere Arbeit demonstrierte eine Zunahme negativer Gefühle bei Personen, die engeren Kontakt zu Menschen mit depressiver Verstimmung hatten.4 Videoaufnahmen von Gesichtern, die von einem neutralen in einen entweder fröhlichen oder wütenden Ausdruck wechselten, führten bei den Teilnehmer/innen eines Experiments ebenfalls zu emotionaler Ansteckung. Der fröhlichen Ausdruck in den Videos resultierte auch bei den teilnehmenden Personen in einer positiven Stimmung. Die wütenden Gesichter lösten hingegen deutliche schlechtere Laune und Wut aus.5

Ebenso wie verschiedene Gefühle, kann auch Stress übertragbar sein. Stress ist eine Reaktion des Körpers als Antwort auf Reize, die körperlich oder mental belastend sind. Um die Stressbelastung zu beurteilen, gibt es verschiedene Wege. So kann die Konzentration bestimmter Hormone gemessen werden, die der Körper bei Stress ausschüttet. Auch die Herzfrequenz oder die Menge an Hautschweiß geben Aufschluss über das Stresslevel. Die gemessene Anzahl der Herzschläge zeigt, dass mütterliche Stress an die eigenen Kinder übertragen werden kann. Die gemessene Herzfrequenz des Nachwuchses gab deutlich Hinweise auf eine Übertragung von Stress und negativen Gefühlen durch die Mutter6. Auch interessant: Allein das Beobachten einer gestressten Person kann dazu führen, dass die Beobachtenden einen erhöhten Wert des Stresshormons Cortisol aufweisen.7

Von Tier zu Tier

Wie genau Emotionen und Stimmungen übertragen werden, ist noch nicht endgültig geklärt. Ebenso, warum es den Mechanismus der emotionalen Ansteckung überhaupt gibt. Eine Theorie sieht den Zweck der Stimmungsübertragung vor allen Dingen darin, Informationen schnell zu verbreiten. Reagiert eine einzelne Person mit Angst und Furcht auf eine Bedrohung, kann dies die Mitmenschen durch emotionale Ansteckung in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen. Ohne zeitaufwendige und bewusste Kommunikation werden andere auf diese Weise vorgewarnt. Die Übertragung von Gefühlen hilft somit, frühzeitig vor Gefahren der Umwelt alarmiert zu sein, auch wenn man diese selbst noch gar nicht entdeckt hat.

Vor allen Dingen bei in Gruppen lebenden Tieren ist das Phänomen zu beobachten. Ein Team amerikanischer Wissenschaftler begutachtete beispielsweise emotionale Ansteckung innerhalb einer Gruppe von Rhesusaffen. Das ängstliche Verhalten einzelner Affen wurde rasch auf andere Mitglieder der Affengruppe übertragen und fungierte als Warnsignal.8 In einer anderen Studie übertrugen Ratten, die zuvor Elektroschocks erhielten und dadurch stark geängstigt waren, ihre Angst auf Artgenossen. Diese verhielten sich nach kurzem Kontakt mit der geschockten Ratte ebenfalls ängstlicher und vorsichtiger, obwohl sie gar keine direkten negativen Erfahrungen machten. 9.

Bei allen bisher erwähnten Untersuchungen wurde die emotionale Ansteckung von Gruppenmitgliedern innerhalb einer Art beobachtet. Spekulationen über eine Art der Gefühlsansteckung zwischen Mensch und Hund gibt dürften aber durchaus berechtigt sein. Beide verbindet eine mindestens 15 000 Jahre andauernde gemeinsame Geschichte des engen Zusammenlebens. Diese Partnerschaft hat einige erstaunliche Fähigkeiten des Hundes hervorgebracht. So gibt es Hinweise dafür, dass Hunde grundlegende emotionale Zustände von Menschen erkennen und unterscheiden können 101112 Weiterhin benutzen Hunde wahrscheinlich die Emotionen des Menschen als sogenannte „soziale Referenz“. Dabei beobachten die Hunde, wie der Mensch eine Situation wahrnimmt und auf sie reagiert. Die so gewonnenen Informationen verwenden die Vierbeiner dann als Orientierung und passen ihr Verhalten der menschlichen Reaktion an.13.

Von Mensch zu Hund

Eine ungarischen Studie liefert Hinweise auf eine direkte Gefühlsansteckung vom Menschen zum Hund. Die Wissenschaftler/innen konzentrierten sich dabei auf die Übertragung von Stress. Während eine geringere Menge an Stress zu einer Steigerung der Leistung führt, wird sie bei wachsendem Stress schlechter. Im Experiment konnte dann ein Zusammenhang zwischen der Stressbelastung der Halter und Konzentrationsleistung der Hunde festgestellt werden. Auch wenn lediglich die Besitzer experimentell gestresst wurden, beeinflusste das jeweilige Stresslevel der Halter die Leistung der Vierbeiner.14

Zeig mir deine Haare

Ob eine mögliche emotionale Ansteckung zwischen Mensch und Hund auch langfristige Auswirkungen haben kann, ist nun erstmals von Wissenschaftler/innen in Schweden erforscht worden. Von besonderem Interesse waren dabei die Haare der Hunde und die der Halterinnen. Haare liefern Aufschluss darüber, wie häufig und wie viel vom Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird. So kann untersucht werden, ob sich die Stressbelastung von Hund und Halter ähneln und es einen möglichen Zusammenhang gibt. Die Haare in der Studie stammten von 58 Halterinnen sowie 25 Border Collies und 33 Shelties. Neben den Haarproben interessierten sich die Forscher/innen auch für die Persönlichkeitsmerkmale von Hund und Halterinnen, sowie für die Bewegungs- und Trainingsmenge.15

Die Daten zeigen, dass sich die Cortisolwerte von den Halterinnen und ihren Hunden ähneln. So weisen die Vierbeiner der Besitzerinnen mit hohen Werten ebenfalls einen erhöhten Cortisolspiegel auf. Hunde mit niedrigerem Spiegel besaßen auch häufiger Besitzerinnen mit geringeren Werten des Stresshormons. Der Zusammenhang zwischen menschlichen und hündischen Stresswerten war besonders deutlich bei Hündinnen und Tieren, die mit ihrem Menschen für Sportwettbewerbe trainierten.

Bezüglich der Persönlichkeit wird in der Studie folgendes erwähnt: Die Hunde von Halterinnen mit ausgeprägtem Neurotizismus wiesen niedrigere Cortisolwerte auf und würden somit unter geringerer Stressbelastung leiden. Unter Persönlichkeitseigenschaften versteht man über längere Zeiträume stabile Einstellungen und Denkmuster. Diese sorgen für die charakteristischen Denk- und Verhaltensweisen eines Menschen. Personen mit sogenannten hohen Werten für Neurotizismus sind emotional eher instabil und neigen zur Ängstlichkeit sowie übermäßigen Sorge und niedriger Stresstoleranz. Den Angaben der Forscher/innen zufolge würde Neurotizismus zu einer stärkeren Bindung des Halters an den Hund führen, die besonders durch gegenseitigen Beistand geprägt wäre. Die gegenseitige Unterstützung wäre ein Schutz vor stärkerer Stressbelastung und.

Diese Schlussfolgerung wirft jedoch einige Fragen auf. So war die niedrigere Cortisolbelastung bei Halterinnen mit hohen Neurotizismuswerten nur bei Rüden zu beobachten. Bei Hündinnen hingegen zeigte sich das Gegenteil. Wie in der Studie erwähnt, gibt es durchaus weitere Arbeiten, die niedrigere Stresswerte bei Hunden von Hundehaltern mit ausgeprägtem Neurotizismus verzeichneten.1617. Doch obwohl der Cortisol ein Maß für die Stressbelastung sein kann, ist es in einigen Fällen nur eingeschränkt aussagekräftig. Hunde mit größerer Furcht vor Umweltreizen wie lauten Geräuschen oder unbekannten Personen weisen ein geringeres Cortisollevel in ihren Haaren auf. Denn dauerhafter Stress kann dazu führen, dass die Mechanismen des Körpers zur Stressbewältigung überfordert sind und schließlich zusammenbrechen. In diesem Fall wird dann trotz starkem Stress nicht vermehrt Cortisol ausgeschüttet. Ein weiteres Beispiel für die geringere Aktivität von Cortisol durch Dauerstress sind Tierheimhunde. Ihr Speichel wies durch die dauerhafte Stressbelastung in einer Studie geringere Cortisolwerte auf als der von in Haushalten lebenden Hunden.18 Auffällig niedrige Cortisolspiegel sind auch bei Menschen mit Angststörungen, Depressionen, dauerhafter Stressbelastung und hohen Neurotizismuswerten zu finden.1920.

Geringere Cortisolwerte bedeuten also nicht automatisch, dass das Individuum wenig Stress empfindet und erlebt. Daher müssen allein auf Cortisolwerten beruhende Schlussfolgerungen über die Lebensqualität oder die individuell empfundene Stressbelastung immer mit Vorsicht betrachtet werden.

Fazit

Es gibt durch Untersuchungen mehrere Hinweise dafür, dass Gefühle und Stress zwischen Mensch und Hund übertragbar sind. Das betrifft auch längere Zeiträume. Stress wirkt sich maßgeblich auf das Verhalten aus. Gestresste Menschen beeinflussen somit möglicherweise ohne bewusste Handlungen und Absicht das Verhalten ihrer Hunde. Das dürfte gerade in Bezug auf Verhaltensprobleme eine interessante Theorie sein. Lohnenswert zu wissen wäre nun, zwischen welchen Halter-Hund Passungen die Gefühlsansteckung besonders stark ist. Vermutlich gibt es beispielsweise rassebedingte Unterschiede. Die Menge und Intensität der miteinander verbrachter Zeit sind vermutlich ebenso relevant. Weiterhin scheint die Persönlichkeit des Menschen ebenfalls eine Rolle für das hündische Stresslevel zu spielen. Welche genau, muss mit weiteren Arbeiten erkundet werden.

Titelbild von loclapups

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  16. Kotrschal, K., Schöberl, I., Bauer, B., Thibeaut, A.-M. & Wedl, M. Dyadic relationships and operational performance of male and female owners and their male dogs. Behav. Processes 81, 383–391 (2009).  

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