Aktuell tauchen gehäuft Artikel zu einer aktuellen Studie der University of Massachusetts auf, in der es um die Einflüsse des Erbguts und der Rasse auf die Hundepersönlichkeit geht. Als Fazit wird dort oft angeführt, dass die Rasse des Hundes keinen Einfluss auf seine Persönlichkeit hat. Wie sich ein Hund verhält, würde demnach nur wenig von der jeweiligen Rassezugehörigkeit abhängen. Ein genauerer Blick auf die Studie zeichnet jedoch ein anderes Bild.

Persönlichkeit und Gene

Die Persönlichkeit von Hund und Mensch beschreibt über längere Zeiträume stabil bleibende Eigenschaften und Denkmuster, die zu charakteristischen Verhaltensweisen führen. So verhält sich ein introvertierter, zurückhaltender Mensch in einer für ihn neuen Situation tendenziell eher vorsichtig. Ein Hund mit ausgeprägter Furcht vor Umweltreizen wird bei einem lauten Knallgeräusch verängstigt reagieren. Artgenossen mit geringer Ausprägung dieser Persönlichkeitsdimension reagieren in der gleichen Situation eher gelassen.

Eine interessante Frage dabei ist, wie groß der Anteil der Gene an den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen ist. Das ist schwieriges Unterfangen, denn zahlreiche Umwelteinflüsse formen potenziell die Persönlichkeit und somit das Verhalten. Die Umwelteinflüsse haben bereits im Mutterleib einen Einfluss. So können sich z.B. die Ernährung der Mutter oder deren Stresslevel langfristig auf das Verhalten auswirken.

Was ist eigentlich die Heritabilität

Bei vielen Merkmalen wie der Größe oder Persönlichkeitseigenschaften besteht also das Interesse herauszufinden, zu welchen Anteilen sie von den individuellen Erbanlagen oder der Umwelt abhängen. Ein Maß für die Erblichkeit von Merkmalen ist die Heritabilität. Sie ist keine absolute Zahl, sondern sie bildet immer ein Verhältnis ab. Besitzt ein Merkmal eine Heritabilität von 0,6, so bedeutet das nicht, dass 60 Prozent dieses Merkmals erblich sind und durch die Genetik erklärt werden können.

Der Wert gibt Aufschluss darüber, wie stark die Erbanlagen individuell unterschiedliche Ausprägungen eines Merkmals beeinflussen. So könnte beispielsweise von Bedeutung sein, wie hoch die Erblichkeit des Merkmals "Ängstlichkeit" ist. Innerhalb einer Population ist so ein Merkmal unterschiedlich verteilt. Einige Personen weisen ein höheres Maß an Ängstlichkeit auf als andere. Die Heritabilität gibt Aufschluss darüber, wie stark die Genetik an diesen Unterschieden beteiligt ist.

Warum ist es wichtig, dass sich die Heritabilität nur auf bestimmte Populationen bezieht? Weil dieser Wert zwangsläufig bei sehr ähnlichen Umweltbedingungen hoch ausfällt. Ein kleines Gedankenbeispiel dazu: Die Heritabilität des Merkmals "Ängstlichkeit" soll untersucht werden. Die Population für diese Untersuchung besteht aus mehreren, nicht miteinander verwandten Menschen. Diese Personen leben alle am gleichen Ort und sind unter den identischen Umweltbedingungen aufgewachsen. Sie haben die gleiche Erziehung bekommen, die gleichen Erlebnisse gehabt, immer das gleiche gegessen. Kurzum, die Umweltbedingungen waren zu jeder Zeit für diese Menschen gleich. Wie hoch ist also der Anteil von Umweltbedingungen, welcher Unterschiede in der Ausprägung der Ängstlichkeit dieser Personen erklären kann? Genau 0 Prozent. Es gibt ja keine Unterschiede in der Umwelt, die einen Einfluss hätten haben können. Der Wert der Heritabilität wäre hingegen 100 Prozent.

Natürlich existieren nirgendwo Hunde und Menschen, die unter exakt den gleichen Umweltbedingungen aufgewachsen sind. Was allerdings deutlich wird: Je variabler die Umweltbedingungen, desto niedriger wird der Erblichkeitswert. Untersucht man eine Population mit sehr ähnlichen Umweltbedingungen, kann der Erblichkeitswert fälschlicherweise zu groß geschätzt werden, bei sehr variablen Umweltbedingungen eher zu niedrig.

Die Erblichkeit von Verhalten

Verhaltensmerkmale sind in der Regel durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Soll die Erblichkeit von Verhalten geschätzt werden, zeichnen sich die untersuchte Stichproben oft durch eine große Varianz der Umweltbedingungen aus. Daher können auch augenscheinlich niedrige Werte der Heritabilität auf einen deutlichen Einfluss der Gene hinweisen.

Erfassung der Hundepersönlichkeit

In einer vom Science-Fachmagazin veröffentlichten Studie zur Erblichkeit von Verhalten untersuchten die Wissenschaftle/innen knapp 2000 Hunde1. Eine zentrale Frage war dabei, ob bestimmte Rassen spezifische Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. In diesem Fall kann anhand der Rassezugehörigkeit auf charakteristische Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen geschlossen werden.

Hierfür erhielten die teilnehmenden Hundebesitzer/innen 12 Fragebögen zu den Verhaltensweisen und dem Aussehen ihrer Hunde. Die Fragebögen dienten zur Erfassung der individuellen, hündischen Persönlichkeitsmerkmale. Als Basis für die Einschätzung der Hundepersönlichkeit wurden somit die Angaben der Besitzer/innen verwendet. Diese können natürlich subjektiv verzerrt sein. Potenziell ist denkbar, dass einige Teilnehmer:innen das Verhalten ihrer Hunde fehlinterpretieren. Bei einem eigentlich in der Realität ängstlichen Hund wird möglicherweise das Angstverhalten nicht erkannt. Das führt dann zur fehlerhaften Antworten und schlussendlich zu einer verzerrten, nicht den Tatsachen entsprechenden Persönlichkeitseinschätzung.

Bestimmte den Rassen zugeschriebene Verhaltensmerkmale wie "besonders wachsam" oder "besonders kinderlieb" beeinflussen mitunter auch die Wahrnehmung des eigentlichen Verhaltens. Trotzdem sind Fragebogenmethoden in der Regel den Einschätzungen von geschultem Forschungspersonal überlegen, welches mit objektiven Kriterien das Verhalten begutachtet. Warum? Weil Verhaltenstests für die Forschung in der Regel in einem für den Hund unbekannten Gebiet stattfindet, wo das Verhalten deutlich vom Alltag abweichen kann. Zusätzlich kann sich ein Hund sporadisch anders als gewöhnlich sein. Halter/innen verbringen viel mehr Zeit über viel mehr Situationen hinweg mit ihren Hunden, als es je in einem experimentellen Setting nachstellbar wäre. Wichtig sind dabei große Stichproben, damit stark fehlerhafte Verhaltenseinschätzungen einzelner Besitzer/innen die Ergebnisse nicht massiv beeinflussen.

Insgesamt erfolgte die Beurteilung der Hundepersönlichkeit mittels 8 Faktoren und deren jeweilige Ausprägungsgrade:

  • Menschenfreundlichkeit Wie wohl fühlt sich der Hund in Gegenwart von bekannten und insbesondere fremden Menschen
  • Erregungsniveau Wie schnell regt sich ein Hund auf und wie impulsiv handelt er
  • Verspieltheit Wie groß ist das Interesse und Verhaltensspektrum an Spielzeug
  • Trainier- und Ansprechbarkeit Wie gut hört der Hund auf Anweisungen des Menschen
  • agonistische Schwelle Wie schnell lässt sich der Hund durch einschüchternde, störende und unbequeme Reize provozieren; Wie schnell zeigt er Angst- und Aggressionsverhalten
  • Verträglichkeit: Wie wohl fühlt sich der Hund in Anwesenheit von fremden und bekannten Artgenossen
  • Umweltsicherheit Wie stark und wie sicher interagiert der Hund mit seiner Umwelt
  • Anhänglichkeit Wie stark sucht der Hund nach Zuneigung

Einfluss des Erbguts auf das Verhalten

Die Studie zeigte, dass die Optik der Hunde zu großen Teilen von der Genetik abhängt. Nachvollziehbar haben Umweltbedingungen relativ wenig Einfluss auf die Fellfarbe oder Ohrenform. Für einige Verhaltenseigenschaften wie die Menschenfreundlichkeit, Verspieltheit und Ansprechbarkeit konnte ebenfalls ein bedeutsamer Einfluss der Erbinformationen ermittelt werden. Mehr als 25 Prozent der Unterschiede von Menschenfreundlichkeit und Verspieltheit innerhalb der untersuchten Population konnten die Forscher/innen auf genetische Einflüsse zurückführen. Das lässt die Schlussfolgerung einer starken genetischen Komponente von Verhalten zu. Einige Aspekte der Hundepersönlichkeit und damit einhergehende charakteristische Verhalten sind somit wahrscheinlich zu beachtlichen Teilen durch spezielle Genvarianten gesteuert.

Einfluss der Rasse auf das Verhalten

Eine weitere Fragestellung der Arbeit war, wie zuverlässig bestimmte Genvarianten und damit auch Verhaltensmerkmale innerhalb einer Rasse zu finden sind. Hierfür analysierten die Wissenschaftler/innen die zur Verfügung stehenden Erbinformationen der Hunde in Kombination mit den Angaben aus den Fragebögen zum Verhalten. Die Daten ergaben, dass etwa 9 Prozent der unterschiedlichen Verhaltensausprägungen auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse zurückzuführen sind. Dieses Ergebnis wurde sowohl in der einfachen Zusammenfassung der Studie als auch in vielen Medienberichten eher ungünstig dargestellt.Die Rasse habe fast keinen Einfluss auf das Verhalten des Hundes. Kann ich also einen Herdenschutzhund kaufen und die Chancen stehen gut, dass er sich bei bester Erziehung wie ein Golden Retriever verhält? Nein.

Zunächst sind 9 Prozent in der Verhaltensgenetik bei so einer variablen Stichprobe wie die in der Studie verwendete ein eher hoher Wert. Die Rasse hat also einen durchaus großen Einfluss auf das Verhalten, auch wenn die Zahl an sich zunächst eher klein wirkt. Bei einigen Eigenschaften gibt es sogar sehr deutliche Zusammenhänge mit der Persönlichkeit und den daraus resultierenden, charakteristischen Verhaltensweisen. Das betrifft insbesondere die im Alltag mit Hund sehr relevanten Faktoren "Trainier- und Ansprechbarkeit", aber auch die Reaktionsschwelle zu Angst- und Aggressionsverhalten.

Wahrscheinlichkeiten vs. sichere Vorhersage von Eigenschaften

Eine wichtige Erkenntnis der Studie zeigt sich in der starke Unterschiedlichkeit von Eigenschaften innerhalb einer Rasse. Um die Ergebnisse einzuordnen, ist die Berücksichtigung von Wahrscheinlichkeiten unerlässlich. Möchte ich einen menschenfreundlichen, gut trainierbaren Hund, dann habe ich mit der Wahl eines Golden Retrievers eine höhere Wahrscheinlichkeit solch ein Exemplar zu erwischen, als bei der Wahl eines Akita Inus. Allerdings gibt es keine Sicherheit. Die Wahrscheinlichkeit auf gewünschte, rassespezifische Eigenschaft ist zwar bei einem Exemplar dieser Rasse erhöht. Das Verhalten und die Persönlichkeit des individuellen Hundes können jedoch auch völlig anders als erwartet ausfallen. Ja, die Exemplare der verschiedenen Rassen weisen im Durchschnitt bestimmte Eigenschaften mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere Rassen auf.

Dennoch gibt es innerhalb der Rassen eine enorme Variabilität hinsichtlich des Verhaltens. So hat sich die Eigenschaft “hohe Hundeverträglichkeit” bei ca. 48 Prozent der Labradore innerhalb der Stichprobe gezeigt. 33 Prozent der Labradore waren hingegen weniger hundeverträglich. Um sich die Verteilungen der Eigenschaften bei den einzelnen Rassen anzuschauen, wurde extra eine kleine Anwendung programmiert, die hier zu finden ist: Darwinsark (Englisch)

Fazit

Die Erbinformationen haben einen erheblichen Einfluss auf die Hundepersönlichkeit. Durch gezielte Zuchtmaßnahmen kann die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Wesenseigenschaften daher gefestigt oder reduziert werden. Auch wenn bei spezifischer Rassewahl die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Verhaltensmerkmale höher ist, gibt es innerhalb der Rassen große individuelle Unterschiede. Exemplare von Rassen, die beispielsweise in der Mehrheit sehr verträglich oder sehr gut trainierbar sind, können auch völlig unverträglich sein.


  1. Morrill K, Hekman J, Li X, McClure J, Logan B, Goodman L, Gao M, Dong Y, Alonso M, Carmichael E, Snyder-Mackler N, Alonso J, Noh HJ, Johnson J, Koltookian M, Lieu C, Megquier K, Swofford R, Turner-Maier J, White ME, Weng Z, Colubri A, Genereux DP, Lord KA, Karlsson EK. Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes. Science. 2022 Apr 29;376(6592):eabk0639. doi: 10.1126/science.abk0639. Epub 2022 Apr 29. PMID: 35482869.