Seit März 2021 können unter Arthrose leidende Hunde mit einem neuen Medikament behandelt werden, Librela genannt. Dabei handelt es sich um Antikörper, die gezielt in den Kreislauf der Schmerzwahrnehmung eingreifen. Warum sind neue Arthrosemedikamente für Hunde so wichtig und wie wirkt Librela?

Arthrose beim Hund

Bis zu 30 Prozent aller Hunde erkranken im Verlauf ihres Lebens an Arthrose. Dabei handelt es sich um eine bisher unheilbare Krankheit der Gelenke. Auch wenn Arthrose selbst nicht tödlich ist, geht sie oft mit starken Schmerzen und einer deutlich reduzierten Lebensqualität der betroffenen Tiere einher. Daher ist die Krankheit auch eine der häufigsten Gründe für eine Einschläferung. Ursächlich für die Arthrose können beispielsweise Fehlstellungen der Gelenke und Gliedmaßen sowie Übergewicht, fehlende Muskulatur oder Überlastungen sein. Je älter Hunde werden, desto höher ist ihr Risiko, an Arthrose zu erkranken.123

Bei der Therapie der Arthrose steht die Schmerzkontrolle an erster Stelle. Ohne Behandlung nimmt die Schmerzbelastung deutlich zu und kann zu dauerhaften, den ganzen Körper betreffenden Missempfindungen und Schmerzen führen.

Schmerzen bei der Arthrose des Hundes

Im Falle Arthrose kommt es zu einer fortschreitenden Zerstörung und Umformung des Gelenkknorpels. Der geschädigte Knorpel selbst ist dabei zunächst nicht schmerzhaft. Aber durch die Belastung des Knorpelgewebes schüttet der Körper verschiedene schmerz- und entzündungsfördernde Stoffe aus. Diese führen zu Schmerzen am betroffenen Gelenk und der umliegenden Muskulatur. Darüber hinaus sorgen diese Stoffe zusätzlich für eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit, welche den ganzen Körper betrifft. Als Folge reagieren von Arthrose betroffene Hunde im Vergleich zu gesunden Tieren stärker und empfindlicher auf Schmerz- und Temperaturreize. Sie leiden durch die erhöhte Schmerzempfindlichkeit auch häufiger unter Nervenschmerzen.4567

Die Schmerzen werden bei Arthrose noch durch einen zusätzlichen Mechanismus verstärkt: Im Gewebe rund um das betroffene Gelenk bilden sich neue Blut- und Nervenfasern. Während also gesunde Hunde am Gelenkknorpel selbst gar keine Schmerzen empfinden können, besitzen unter Arthrose leidende Tiere dort Zellen zur Schmerzwahrnehmung.8

Der Nerve Growth Factor und Schmerzen durch Arthrose

Der sogenannte Nervenwachstumsfaktor ist Stoff aus verschiedenen Eiweißbausteinen, der besonders bei der Entwicklung im Mutterleib eine wichtige Rolle spielt. Dabei ist er ist mitverantwortlich für die Entwicklung, das Wachstum und die Verschaltung der Nervenzellen im heranwachsenden Körper.9

Bei ausgewachsenen Tieren ist der Nervenwachstumsfaktor besonders in Hinsicht auf das Schmerzempfinden bedeutsam. Im Falle von Verletzungen, beispielsweise durch Schnittverletzungen oder durch den Knorpelabrieb bei der Arthrose, schüttet der Körper an den beschädigten Stellen verstärkt den Nervenwachstumsfaktor aus. Das führt einerseits zur vermehrten Bildung von schmerzleitenden Nervenfasern. Andererseits heftet sich der ausgeschüttete Nervenwachstumsfaktor an die Rezeptoren spezieller Zellen, die für die Schmerzwahrnehmung verantwortlich sind. Dieser Vorgang führt zu der unangenehmen Empfindung, die beim Schmerz zu fühlen ist. Der Mechanismus bewirkt, dass die verletzte, schmerzende Stelle geschont und weniger belastet wird.

Für die Rolle des Nervenwachstumsfaktors bei der Schmerzempfindung gibt es viele überzeugende Belege. Wird der Nervenwachstumsfaktor in die Nähe von Gelenken gespritzt, entstehen an dieser Stelle starke Schmerzen. Patienten mit schmerzhafter Arthrose besitzen an den Gelenken eine viel höhere Konzentration des Stoffes als gesunde Menschen. Besonders schmerzunempfindliche Tierarten wie der Nacktmull weisen Besonderheiten an den für die Wahrnehmung von Schmerzen verantwortlichen Zellen auf. Für einen wahrnehmbaren Schmerzreiz bei diesen Tieren muss eine viel höhere Konzentration vom Nervenwachstumsfaktor andocken.10

Die Entwicklung einer neuartigen Arthrose Therapie

Biopharmazeutika stehen zunehmend im Fokus von Forschung und Therapie unterschiedlichster Erkrankungen. Bei der Herstellung der meisten Medikamente kommen chemische Prozesse zum Einsatz, um einen synthetischen Wirkstoff zu fertigen. Die Biopharmazeutika hingegen werden mittels gentechnischer Verfahren in lebenden Organismen hergestellt. Bei den verwendeten Organismen handelt es sich in der Regel um einzelne Zellen, die durch verschiedene Eingriffe die erwünschten Stoffe selbst produzieren.

Auch gegen Arthrose werden verschiedene Biopharmazeutika entwickelt. Erfolgversprechend scheinen dabei in Zellen gezüchtete Antikörper gegen den Nervenwachstumsfaktor zu sein. Die Antikörper verhindern, dass der Nervenwachstumsfaktor an die Rezeptoren der schmerzleitenden Nervenzellen andocken kann. Das unterbricht den Kreislauf der Schmerzwahrnehmung und führt somit zu weniger Schmerzen. Als Ergebnis mehrjähriger Forschung erschien 2010 die erste Arbeit zur Arthrosebehandlung des Menschen mittels dieser monoklonalen Antikörper. Hohe Dosen des Antikörpers sorgten für eine langfristige Linderung der Schmerzen bei Patienten mit Kniearthrose. Die Schmerzen bei Hüftarthrose konnten mit den Antikörpern ebenfalls sehr gut behandelt werden.1112

Librela, der monoklonalen Antikörper für den Hund

Auch für den Hund wurde ein Biopharmazeutikum entwickelt, welches direkt den Kreislauf der Schmerzwahrnehmung unterbricht. Dabei handelt es sich um monoklonale Antikörper, die speziell für den hündischen Organismus aufbereitet werden. Bisher werden zur Therapie von Arthroseschmerzen vor allen Dingen Entzündungshemmer verwendet. Obwohl diese sich in zahlreichen Studien als sehr effektiv herausgestellt haben, können einige Tiere damit nicht langfristig therapiert werden. Ihr Wirkmechanismus führt bei manchen Hunden zu Magen-Darm Komplikationen. Gerade bei ältere Patienten müssen die Leber- und Nierenfunktion bei langfristiger Gabe überwacht werden. Außerdem gibt es auch Fälle, bei denen diese Klasse von Medikamenten keine ausreichende Schmerzlinderung bewirkt.

Ein weiteres Problem: Seniorenhunde müssen aufgrund mehrerer Krankheitsbilder oft zeitgleich verschiedene Medikamente nehmen. Manche der Krankheiten erfordern beispielsweise eine Therapie mit Cortison, welches langfristig nicht zeitgleich mit den Entzündungshemmern gegeben werden kann. Der neu entwickelte Arzneistoff Librela hemmt die Bindung vom Nervenwachstumsfaktor an die Rezeptoren von schmerzleitenden Zellen. Das ermöglicht eine deutliche Verringerung der Schmerzen ohne die üblichen Nebenwirkungen der Entzündungshemmer. Außerdem kann Librela mit einer viel größeren Palette an Medikamenten kombiniert werden.

Studien mit Librela bei Hunden

Mehrere nach wichtigen Standards durchgeführte Studien über die Wirkung von Librela sind sehr vielversprechend. Die in den Untersuchungen durch standardisierte Fragebögen erhobene Schmerzbelastung und Arthrosebeschwerden verringerten sich bei den mit dem Antikörper behandelten Hunden bedeutsam besser als in den Placebogruppen, welche nur eine wirkungslose Flüssigkeit gespritzt bekamen. Zusätzlich erfassten die Wissenschaftler/innen mittels eines kleinen Aktivitätstrackers das Bewegungsmaß der teilnehmenden Hunde. Die mit Librela behandelten Hunde bewegten sich deutlich mehr als die Hunde der Kontrollgruppe. Das kann auf den schmerzlindernden Effekt von Librela zurückzuführen sein, der den Hunden zu mehr Bewegungsfreude verhilft. 1314

Zu Risiken und Nebenwirkungen von Librela

Bisher haben die in den Schmerzkreislauf des Nervenwachstumfaktors eingreifenden Antikörper keine Zulassung zur Arthrosetherapie beim Menschen erhalten. Ein kleiner Teil, nämlich 1 Prozent, der teilnehmenden Patienten entwickelte mit den monoklonalen Antikörpern eine rasch fortschreitende Arthrose. Obwohl diese Patienten schmerzfrei waren, benötigten sie dann künstliche Gelenke. Warum genau es zu dieser raschen Verschlimmerung der Arthrose bei den wenigen Behandelten kam, ist noch nicht bekannt. Ursächlich könnten einerseits spezielle, noch unbekannnte Nebenwirkung des Antikörpers sein, andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass sich die Erkrankten durch die Schmerzfreiheit zu stark belasteten. Diese Nebenwirkung trat fast nur bei Erkrankten auf, die zusätzlich höhere Dosen von Entzündungshemmern einnahmen. Ansonsten kam es unter der Therapie in seltenen Fällen nur zu vorübergehenden Missempfindung wie Kribbeln oder erhöhter Temperaturempfindlichkeit.

Das Risiko für Hunde, unter so einer rasch fortschreitenden Arthrose zu leiden, schätzten Mediziner/innen für gering ein. Das Krankheitsbild ist unabhängig von Librela noch nicht beim Hund beobachtet worden. Und tatsächlich zeigt auch die aktuelle Veröffentlichung zu Librela und dessen Langzeitwirkung, dass es innerhalb von 9 Monaten nicht zu entsprechenden Komplikationen bei Hunden kam.15

Fazit

Mit Librela steht eine neue Behandlungsmethode zur Verfügung, die den Ergebnissen kontrollierter Studien zufolge bei zahlreichen Hunden Arthroseschmerzen deutlich lindern kann. Durch die spezielle Wirkweise treten viele sonst bei üblichen Schmerzmitteln gelegentlich vorkommenden Nebenwirkungen nicht auf. Das ist besonders bei älteren und vorerkrankten Hunden relevant. Leber und Nieren werden durch die Antikörper nicht belastet. Zudem kann Librela mit vielen anderen Medikamenten kombiniert werden. Es zeichnet sich aber ab, dass bei der Behandlung mit Librela Besitzer/innen in der Pflicht sind, eine Überlastung des erkrankten Hundes durch die neu gewonnene Schmerzfreiheit streng vermeiden sollten.


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