Hunde sind hochsoziale Lebewesen. Den meisten von ihnen ist Kontakt zu vertrauten Artgenossen und Menschen wichtig. Längere Phasen der Trennung von anderen Hunden oder Bezugspersonen vermeiden die Vierbeiner hingegen. Zu ausgewählten Sozialpartnern gehen sie zudem enge Bindungen ein. Solche soziale Beziehungen gelingen meist nur, wenn untereinander verständlich kommuniziert wird. Notwendig dafür ist, dass der Hund sich erfolgreich mit Artgenossen und dem Menschen verständigen kann und sich angepasst verhält.

Sozialisation

Viele Bestandteile des Sozialverhaltens sind im Erbgut des Hundes verankert und somit schon angeboren. Andere Elemente müssen erst im Kontakt mit Artgenossen und der Umwelt erlernt sowie verfeinert werden. Diese Lernvorgänge werden unter dem Begriff “Sozialisation” zusammengefasst. In bestimmten Phasen des Lebens lernen Hunde soziales Verhalten besonders intensiv und nachhaltig. Die Erfahrungen, die der Vierbeiner in diesem Zeitraum macht, beeinflussen sein gesamtes späteres Leben. Ein entsprechendes sensibles Zeitfenster ist bei Hunden ungefähr zwischen der 4.und 12. Lebenswoche zu verorten.1

Ebenso scheinen die Erlebnisse innerhalb des 3. bis 6. Lebensmonats eine große Rolle zu spielen. So sank in einer Studie die Wahrscheinlichkeit für aggressives oder ängstliches Verhalten gegenüber fremden Besuchern, wenn die Junghunde innerhalb dieser Zeiträume viele Erfahrungen mit unbekannten Personen in städtischer Umgebung sammeln konnten. 2. Belastende, negative Ereignissen in den ersten 6 Monaten führten in Untersuchungen häufiger zu verstärktem Angst- und Aggressionsverhalten. 3 Durch zahlreiche positive Erfahrungen in den sensiblen Phasen verhalten sich Hunde laut verschiedener Studien hingegen vorhersagbarer, ruhiger und weniger gestresst.4

Die Erlebnisse innerhalb dieser Zeitfenster prägen also maßgeblich das Sozialverhalten. Hierzu gibt es bereits wissenschaftliche Veröffentlichungen in größerer Anzahl. Auf den Umgang des Hundes mit seinen Artgenossen und Menschen wirken sich aber auch später gemacht Lernerfahrungen aus. Wissenschaftler/innen der Universität Bern gingen deshalb der Frage nach, wie sich Sozialkontakte zu anderen Hunden bei bereits erwachsenen Tieren auf das Verhalten auswirkt.

Plastebeagle für die Wissenschaft

Für das Experiment wurde das Verhalten Schweizer Militärhunde verschiedener Rassen vor und nach einem speziellen Trainingsprogramm untersucht. Diese Diensthunde verbringen oft längere Zeiträume in Einzelzwingern und verfügen oft über weniger soziale Erfahrungen mit anderen Hunden als durchschnittliche Familienhunde.

29 der 56 teilnehmenden Hunde durchliefen ein spezielles Trainingsprogramm mit Artgenossen, die anderen Vierbeiner dienten hingegen als Kontrollgruppe. Die Hunde in der Kontrollgruppe erhielten kein Training. Das Vorgehen dient dazu, mögliche andere Ursachen als das gezielte Training für beobachtbare Verhaltensänderungen auszuschließen. Denn wenn auch die Hundegruppe ohne Training bemerkenswerte Unterschiede im Verhalten zeigen würde, kann das Trainingsprogramm nicht die Ursache für die Veränderungen sein.

Die grundlegende Frage der Studie bestand nun darin, ob angeleitete Sozialkontakte mit Artgenossen das Verhalten diesen gegenüber ändern würde. Dafür wurde die Konfrontation der Hunde mit einem männlichen Artgenossen und einem täuschend echt aussehenden Plastebeagle beobachtet. Besonders aggressives und ängstliches Verhalten waren dabei von Interesse. Die Verhaltensbeobachtung fanden vor Beginn des des Trainings und 8 Wochen danach statt. Hierfür entwickelten die Forscher/innen spezielle Untertests.

Im ersten Test durchliefen die Hunde ein Labyrinth, an dessen Ende sich einmal eine Plastiktüte und in einem weiteren Durchgang ein Plastebeagle befand. Für den zweiten Test liefen die teilnehmenden Hunde an einem an einer Stange festgebundenen Hund vorbei, der sich neutral gegenüber Fremdhunden verhielt. Und als letzten Test führten Hilfspersonen einen Artgenossen am Zwinger vorbei, in welchem sich der jeweilige Hund aufhielt.

Da unterschiedliche Menschen Verhalten auch unterschiedlich wahrnehmen können, protokollierten und bewerteten mehrere Personen das Hundeverhalten.

Training

Die Hunde im Trainingsprogramm erhielten jeweils an einem Wochentag zusätzlich zu ihrer gewöhnlichen Arbeit Kontakt zu anderen Vierbeinern. Dieser fand jedoch nur mit Anleitung statt und alle Hunde trugen dabei einen Maulkorb.

Auf welche Art die Forscher/innen den Hunden Sozialkontakte ermöglichten, hing von der individuellen Verträglichkeit ab. Einige der Hunde liefen angeleint nebeneinander, während andere frei in einer größeren, ebenfalls aus Diensthunden bestehenden Gruppe laufen konnten. Aggressionsverhalten gegenüber Artgenossen unterbrachen die beteiligten Menschen. Ebenso halfen sie Hunden, die von anderen Tieren verängstigt oder unterdrückt wurden. Die Dauer der wöchentlich stattfindenden Trainingseinheiten betrug drei Stunden.

Ergebnis

In den 8 Wochen nach Studienbeginn stattfindenden Verhaltenstest, zeigten sich keine Unterschiede im Verhalten der Plastiktüte gegenüber. Die Hunde, welche das Trainingsprogramm durchlaufen hatten verhielten sich also genauso neutral der Tüte gegenüber wie vorher. Die Hunde der Kontrollgruppe ebenfalls.

Bei Konfrontation mit dem Plastebeagle gab es allerdings Unterschiede. Die Hunde der Trainingsgruppe verhielten sich diesem gegenüber weniger ängstlich oder aggressiv als vor dem Trainingsprogramm. Die Tiere der Kontrollgruppe wiesen im Vergleich zu vorher kein anderes Verhalten auf.

Ähnliches zeichnete sich auch bei den Tests mit dem angebundenen Hund ab. Die trainierten Hunde verhielten sich bei der Konfrontation je nach Individuum weniger ängstlich oder aggressiv. Auch hier gab es bei den Hunden der Kontrollgruppe keinen Unterschied zu vorher. 5

Fazit

In der Studie konnte ein deutlicher Effekt auf das Sozialverhalten durch Training mit Artgenossen festgestellt werden. Obwohl das Training nur einmal wöchentlich stattfand, reduzierte es Angst- und Aggressionsverhalten gegenüber Artgenossen. Auch ältere Hunde scheinen also von einem Sozialisierungstraining zu profitieren.

Das gilt auch dann, wenn der Kontakt im Rahmen dieses Trainings nur minimal gestaltet wird, wie es im Fall vom gemeinsamen Laufen an der Leine der Fall ist.

Titelbild von Maja Dumat


  1. SCOTT JP u. FULLER JL (1965) Genetic and Social Behavior of te Dog. Chicago University Press, Chicago 

  2. APPLEBY D L, BRADSHAW JWS, CASEY RA (2002). Relationship between aggressive and avoidance behavior by dogs and their experience in the first six months of life. Veterinary Record Apr 6; 150(14):434-8 

  3. Hubrecht, R. C., 1995. Enrichment in puppyhood and its effect on later behavior of dogs. Lab. Anim. Sci. 45, 70-75.  

  4. Serpell, J.A., 1996. Primary socialization revisited: early experience and the development of canine behaviour problems. WSAVA, Jerusalem, Israel, October 20-23, 1996: 36-37. 

  5. Nastassja Gfrerer, Michael Taborsky, Hanno Würbel (2018). Benefits of intraspecific social exposure in adult Swiss military dogs. Applied Animal Behaviour Science, 201, 54-60.] 

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