Im Leben von Haushunden sind Tierarztbesuche ein unumgänglicher Bestandteil. Leider lösen Tierarztpraxen und das behandelnde Personal bei vielen Vierbeinern Stress und Angst aus. So wollten beispielsweise in einer Untersuchung 70 Prozent der Hunde den Behandlungsraum gar nicht erst betreten1. Daher ist es sinnvoll zu wissen, mit welchen Maßnahmen ein Gang in die Tierarztpraxis stressärmer gestaltet werden kann. Entspanntere Praxisbesuche erleichtern letztendlich auch Maßnahmen zur Diagnostik und Behandlung.

Trösten

Sollte der Hundehalter während einer Tierarztbehandlung den Hund beruhigen und streicheln oder lieber ignorieren? Dieser Frage gingen Forscher/innen einer französischen Veterinär-Fakultät nach.
Dafür beobachteten sie unter verschiedenen Bedingungen das Verhalten der Hunde während einer tierärztlichen Untersuchung. Neben dem Verhalten wurden auch mehrere körperliche Stressmaße ermittelt. Dazu gehörten die Menge des Stresshormons Cortisol im Speichel, die Körpertemperatur, die Anzahl der Herzschläge pro Minute und die Augentemperatur. Diese Messungen geben Aufschluss darüber, ob und wie stark der Hund durch die medizinische Untersuchung belastet wird. Dass so viele verschiedene Messmöglichkeiten der Stressbelastung verwendet wurden, ist eine Stärke der Studie. Denn sämtliche dieser Messmethoden haben Vor- und Nachteile.

Als sichtbare Hinweise auf Stress werden beispielsweise starkes Hecheln, Gähnen, Winseln und motorische Unruhe gewertet. Es gibt jedoch große individuelle Unterschiede, wie viel dieser Anzeichen bei unterschiedlichen Graden an Stress gezeigt werden. So weisen einige Vierbeiner trotz starker Stressbelastung nur wenige dieser Verhaltensweisen auf. Ausschließlich auf Basis des Verhaltens getroffene Schlussfolgerungen sind diesbezüglich daher nur eingeschränkt aussagekräftig. Weiterhin kann bei chronisch übermäßig belasteten Hunden das körperliche Stress-Bewältigungssystem zusammenbrechen. Als Folge davon sind die Werte des Stresshormons Cortisol auch bei erheblicher Beanspruchung niedrig. Irrtümlicherweise könnte aus den niedrigen Cortisolwerten geschlussfolgert werden, dass der Hund gar nicht gestresst ist. Daher ist es oft von Vorteil, mehrere verschiedene Anzeichen von Stress zu messen und auszuwerten.

Alle teilnehmenden 33 Hunde durchliefen jeweils zwei experimentelle Bedingungen. In der einen durften die Halter ihren Vierbeiner während der Untersuchung streicheln und mit ihm reden. In der anderen saßen die Besitzer drei Meter entfernt von ihrem Hund, den sie während der tierärztlichen Prozedur ignorieren sollten. Die Messungen ergaben, dass sämtliche Hunde von der Untersuchung gestresst wurden. Wenn die Besitzer während der Behandlung mit ihrem Tier reden und es streicheln konnte, wurde der stressende Effekt der Untersuchung jedoch gemindert. Die bloße Anwesenheit des Besitzers ohne Kontakt zum Hund hatte keinen derartigen Effekt. Hunde, die vom Besitzer Unterstützung erhielten, winselten weniger und wollten seltener vom Tisch springen. Außerdem sank die zuvor durch die stressende Tierarztsituation angestiegene Herzfrequenz der Vierbeiner durch das Streicheln und Reden ab. Das ist ein Anzeichen für eine gedämpfte Stressreaktion. Es gibt also Hinweise dafür, dass Zuwendung und Trösten während einer tierärztlichen Behandlung dem Hund hilft und stressmindernd wirkt 2

Trennungszeiten

In einer weiteren Studie untersuchten Wissenschaftlerinnen, wie sich längere Trennungszeiten vom Besitzer vor einem tierärztlichen Eingriff auswirken. Hierfür wurden 18 Hunde, die zu einer Kastration angemeldet waren, in zwei Gruppen geteilt. Die eine Hundegruppe wurde vor der Kastration 12 Stunden vom Besitzer getrennt in den Räumen der Klinik einbehalten, die andere wurde erst 10 Minuten vor Operationsbeginn von ihren Haltern separiert.

Bei beiden Hundegruppen waren wieder verschiedene Stresswerte von Interesse. Neben dem Anstieg des Stresshormons Cortisol wurde auch gemessen, ob die Hunde Anzeichen von oxidativem Stress aufweisen. Oxidativer Stress entsteht entsteht durch ein Übermaß von bestimmten chemischer Verbindungen mit Sauerstoff, freie Radikale genannt. Diese entstehen bei sämtlichen überlebensnotwendigen körperlichen Vorgängen wie der Atmung. Unter normalen Umständen baut sie der Körper wieder ab. Bei starker Belastung durch übermäßige Anstrengung, Stress oder Schadstoffe wie Zigarettenrauch herrscht dagegen ein Überschuss an freien Radikalen. Die Folgen sind eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte und Entzündungen sowie chronische Erkrankungen.

Die langfristige,12 Stunden andauernde Trennung in einer unbekannten Umgebung ohne den Halter führte zu einem merklichen Anstieg von Cortisol und zu oxidativem Stress. Längere Trennungsphasen und Aufenthalte in unbekannter Umgebung vor tiermedizinischen Eingriffen sollten also eher vermieden werden. Sie könnten weitreichende Folgen haben und zu einer schlechteren Wundheilung, Blutarmut und mangelnder Regeneration der Hunde nach Operationen durch führen.3

Faktoren, die Tierarztangst verschlimmern

Eine große Umfrage mit Angaben zu 26 555 Hunden verwendeten Forscher/innen um Risikofaktoren zu ermitteln, welche zu Angst und Stress beim Tierarzt beitragen könnten. Bei über der Hälfte der Hunde gaben die Besitzer an, dass ihr Hund ängstliches Verhalten bei Veterinärbesuchen zeigt. 14 Prozent der Vierbeiner wiesen sogar extreme Angst auf. Hunde, die als Arbeitshunde verwendet oder regelmäßig auf Ausstellungen präsentiert wurden, waren den Angaben nach seltener von Angst vor dem Tierarzt betroffen. Rein als Familienhunde gehaltene Vierbeiner dafür wesentlich öfter.

Als mögliche Ursache für dieses Ergebnis wird angeführt, dass häufiger ausgestellte und für Arbeitszwecke verwendete Hunde öfter an notwendige Pflegemaßnahmen und körperlicher Begrenzung gewöhnt werden. Neben der Grunderziehung und Sozialisierung die viele Hunde im Alltag erhalten, scheint zusätzliches Trainieren von Handlingsmaßnahmen für weniger Angst beim Tierarzt zu sorgen.4

Effektivität von Medical Training

Im Rahmen einer im August 2019 in Norwegen veranstalteten Konferenz für angewandte Ethologie wurde eine Studie zur Effektivität von Tierarzttraining für den Hund vorgestellt. Es handelte sich dabei um eine vorläufige Präsentation der Ergebnisse auf einem Poster. Vor der Veröffentlichung in einer wissenschaftliche Fachzeitschrift muss die Arbeit dann erst von unabhängigen Gutachtern geprüft und bewertet werden. Alle teilnehmenden Hunde wiesen bereits Angst vor Tierarztbesuchen auf. Die Hälfte von diesen nahm dann an einem 4 Wochen andauernden Trainingsprogramm teil. Das vierwöchige Tierarzttraining beinhaltete körperliche Manipulationen wie das Festhalten einer Pfote, denen eine Belohnung folgte. Die Besitzer wurden dazu angehalten, die Intensität der Manipulationen nur dann zu steigern, wenn der Hund ruhiges Verhalten ohne Anzeichen von Stress zeigt. Zwar gaben der Großteil der Halter an, dass ihre Hunde durch das Training weniger Angst und Stress hatten wenn sie selbst die Manipulationen durchführten. Auf den eigentlichen Tierarztbesuch hatte das Training jedoch keinen angstmindernden Einfluss.5

Möglicherweise müssen verschiedene Trainingsschritte wie Manipulationen durch fremde Personen und das gezielte Üben in der Tierarztumgebung intensiviert werden. Denn ein deutlicher Effekt in Hinsicht auf die verbesserte Toleranz von Handlingsmaßnahmen seitens der Besitzer konnte ja beobachtet werden.

Fazit

Im Gegensatz zum oft gehörten Ratschlag, man solle den vom Tierarztbesuch geängstigten Hund ignorieren, hilft vielen Vierbeinern wahrscheinlich die direkte Unterstützung seitens des Besitzers. Streicheln und gut zureden während der Behandlung können einen stressmindernden Effekt haben. Weiterhin sind längere Trennungszeiten vom Hundehalter vor Operationen oder in Heilungsphasen eher zu vermeiden. Der daraus resultierende Stress hat gegebenenfalls drastische Auswirkungen auf die Gesundheit des Hundes. Das frühe Gewöhnen an körperliche Einschränkung und Manipulation sowohl vom Besitzer als auch von fremden Personen hilft wahrscheinlich, die Angst vor Tierarztbesuchen einzudämmen. Gezieltes Tierarzttraining mit dem Hund sollte also nicht unterschätzt und ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung sein.


  1. Stanford T. Behavior of dogs entering a veterinary clinic. Applied Animal Ethology. 1981;7:271–9. 

  2. Erika Csoltova, Michaël Martineau, Alain Boissy, Caroline Gilbert , Behavioral and physiological reactions in dogs to a veterinary examination: Owner-dog interactions improve canine well-being. Phb(2017), doi: 10.1016/j.physbeh.2017.05.013  

  3. Juodžentė D, Karvelienė B, Riškevičienė V. The influence of the duration of the preoperative time spent in the veterinary clinic without the owner on the psychogenic and oxidative stress in dogs. J Vet Med Sci. 2018;80(7):1129–1133. doi:10.1292/jvms.18-0066  

  4. Edwards PT, Hazel SJ, Browne M, Serpell JA, McArthur ML, Smith BP (2019) Investigating risk factors that predict a dog’s fear during veterinary consultations. PLoS ONE 14(7): e0215416. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0215416  

  5. Anastasia Stellato, Sarah Jajou, Cate Dewey, Tina Widowski and Lee Niel (2019) Efficacy of a 4-week training program for reducing pre-existing veterinary fear in companion dogs. Poster  

vgwort zaehlmarke